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Die Melaspas-Zeremonie

Jeder, der schon einmal in Bali war, weiss es: Hier wird die Religion noch richtig ernst genommen. Die sprichwörtliche Toleranz der Balinesen gegenüber Andersgläubigen steht ganz im Gegensatz zu ihrem Umgang mit den eigenen religiösen Riten. Ein paar Beispiele:

Mit einem Auto darf erst gefahren werden, wenn es durch eine Zeremonie geweiht wurde. Gleiches gilt für Motorräder und Fahrräder und, sofern es sie denn hier gibt, wahrscheinlich auch für Dreiräder. Ein Haus ist kein Haus, wenn es nicht mindestens einen Tempel hat, der mehrmals täglich mit Opfergaben bestückt wird. Jedes Gebäude, vom einfachen Stall bis zum herrschaftlichen Palast muss mit einer speziellen Einweihungszeremonie, der sogenannten Melaspas-Zeremonie, geweiht werden, um verschiedene Dämonen zu vertreiben.

Auch unser bescheidenes Heim, das wir uns hier in Bali gebaut haben, blieb nicht von Zeremonien verschont. Alles fing damit an, dass wir einen Tempel brauchten. Es dauerte jedoch eine Weile, bis diese Information bei uns ankam, denn, wie schon gesagt, die Toleranz der Balinesen ist geradezu sprichwörtlich. Aus den Erklärungen unseres Angestellten Komang, die nichts so grob undiplomatisches wie echte Information enthielten, konnten wir aufgrund der Häufigkeit, mit der dieses Thema angesprochen wurde, schliessen, dass den Einheimischen die Existenz eines Tempels auf unserem Grundstück wichtig ist. Eigentlich nicht nur ein Tempel, sondern zwei. Und so ein Tempel muss natürlich von einem Priester geweiht werden. Und der Priester könnte dann auch noch gleich unsere Häuschen weihen, also die bereits erwähnte Melaspas-Zeremonie durchführen. Aber das sei natürlich ganz uns überlassen. Nur wenn wir das möchten. Das könne jeder selbst entscheiden. Das solle jeder machen, wie er wolle.

Selbstverständlich wollten wir es richtig machen und erklärten uns einverstanden mit Tempel und Zeremonie und allem, was dazu gehört.

Es stellte sich heraus, dass folgendes dazu gehört: 3 riesige gebratene Spanferkel, 3 Enten, mehrere Kilos Früchte und Gemüse, tonnenweise Blumen in verschiedenen Farben, etwas Gold, Kreide, verschiedenfarbige Fäden, literweise heiliges Wasser, ein stattlicher, mit Schmuck behängter Priester, 20 Zeremonienhelfer, eine Lautsprecheranlage mit Mikrofon, 3 riesige Löcher in unserem Garten, ein 40-köpfiges Gamelanorchester, Vertreter aller Berufsgattungen, die beim Bau unserer Häuschen beteiligt gewesen waren, inklusive Architekt und Gartenarchitekt, ein quietschbuntes Festzelt, meterweise dekorative Folien, Verpflegung für alle Teilnehmer und 5 Stunden Zeit und Geduld.

Es war ein voller Erfolg. Wir haben nun ein garantiert dämonenfreies Heim und glückliche Angestellte. Neuestes Update von Komang: Die Zeremonie muss jedes Jahr wiederholt werden. Aber das sei natürlich ganz uns überlassen.