• Rio Helmi

Nur nicht den Kopf in den Sand stecken

Dies ist ein Artikel von Rio Helmi zum Status des Vulkans. Originaltitel: Let's not bury our heads in Mt. Agung's sand. Übersetzung von RH und IA:

Heute ist Galungan-Tag. Eine der wichtigsten Feierlichkeiten in Bali. Sie hat gemischte Ursprünge in Ahnenkult, animistischen und 'Hindu'-Praktiken. Infolgedessen stehen die durchgeführten Rituale meistens mit den Häusern und Dörfern der Menschen in Zusammenhang, mit Tempeln, Schreinen, Friedhöfen und so weiter. Für einen Balinesen ist es schwierig, dem Drang zu widerstehen, in sein in der Gefahrenzone liegendes Heimatdorf zurückzukehren. Dies wird noch kompliziert durch die ziemlich freie (um es euphemistisch auszudrücken) Interpretation der gerade erfolgten Herabsetzung der Warnstufe des Vulkans Mt Agung.

Nachdem mich eine Reihe von Personen kontaktiert und gebeten haben, die Herabsetzung des Warn-Status des Mt Agung von 4 (Awas) auf 3 (Siaga) zu kommentieren, will ich hier einige Dinge beleuchten, die sich aus langen, ernsthaften Gesprächen mit meinen Kontaktpersonen beim PVMBG-Mount-Agung-Beobachtungsposten in Rendang (Volcanic Eruption Mitigation Agency) ergeben haben, gepaart mit meinen eigenen Erfahrungen der letzten Wochen:

1. Nur weil die Warnstufe herabgesetzt wurde, ist der Mt. Agung nicht plötzlich ‚stabil‘. Wir sind noch weit davon entfernt.

2. Der Mt Agung könnte nach einer kurzen Anlaufzeit doch noch ausbrechen.

3. Der Mt Agung ist ein sogenanntes ‚geschlossenes System‘, dessen innere Aktivität von aussen nicht leicht erkennbar ist. Das macht ihn unberechenbar. Umso mehr als dies das erste Mal ist, dass seine Aktivität mit Instrumenten gemessen wird und Vergleiche fehlen. Folglich ist die PVMBG vorsichtig beim Herausgeben von ‚Vorhersagen‘.

4. Ein weiterer Grund, weshalb die Behörde vorsichtig ist, liegt darin, dass der Mt Agung eine sehr gewalttätige Geschichte hat. Im Kontext betrachtet heisst das, dass der Mount Agung einer von weltweit 58 Vulkanen ist, der den VEI 5 ​​(Vulcanic Explosivity Index) erreicht hat. Er ist einer von nur 7 Vulkanen weltweit, die mehrmals nacheinander und ziemlich konsequent über die Jahrhunderte hinweg mit VEI 5 ​​kategorisiert wurden. Und er hat im Laufe der Jahrhunderte enormen Schaden angerichtet.

5. Die PVMBG-Vulkanologen werden nicht durch Druck von der Regierung, der Tourismusindustrie usw. beeinflusst. Sie treffen ihre Entscheidungen auf der Grundlage ihrer Beobachtungen - seismische, thermische Bildgebung über Satelliten usw. Es sind zahlreiche Faktoren, nicht nur die Anzahl der Erdbeben. Obwohl die Zahl der Beben von über eintausend pro Tag drastisch gesunken ist, zeigen ein paar hundert pro Tag, dass der Vulkan immer noch alles andere als stabil ist. Was die Vulkanologen erkennen, ist eine Verschiebung der seismischen Aktivität in andere Regionen.

6. Die Vorlaufzeit bis zu einem tatsächlichen Ausbruch wurde beim Mt Agung nie instrumentell gemessen. Nur weil die Warnstufe gerade auf 3 herabgesetzt wurde, heisst das nicht, dass nun alles in Butter ist (meine Wortwahl, nicht deren). Es ist nämlich gar nicht klar, wie viel Warnzeit bis zu einem Ausbruch verbleibt.

7. Es gibt natürlich die Möglichkeit, dass der Berg gar nicht explodieren wird, aber dafür gibt es vorerst absolut keine Garantie. Lasst uns erst dann feiern, wenn er wirklich wieder schlummert, ohne vorher ausgebrochen zu sein.

8. Eine Aussage, die ich online las und die sich auf die Unfähigkeit der hiesigen Vulkanologen bezog, genau vorherzusagen, was der Mt Agung wann tun wird, war: "Vielleicht liegt das daran, dass die lokalen Vulkanologen weniger vorbereitet und erfahren sind als diejenigen, die in Sumatra und Java arbeiten." Ich werde versuchen, mich in meiner Antwort zurückzuhalten, indem ich einfach darüber informiere, dass die Vulkanologen durch ganz Indonesien rotieren, und es immer dieselben sehr erfahrenen, international respektierten Sachverständigen sind, von denen es übrigens weltweit nur wenige gibt. Ein USGS-Wissenschaftler sagte zu einem meiner PVMBG-Kontakte (frei übersetzt): "Ich möchte nicht in deinen Schuhen stecken. Merapi (ein gefährlicher Vulkan in Java) ist einfach. Er ist berechenbar und wurde mehrmals mit Instrumenten usw. beobachtet, und es ist leicht, mit ihm umzugehen. Der Mt Agung hingegen ist einzigartig, sehr unberechenbar und besonders zerstörerisch. Merapi ist im Vergleich dazu der Traum eines jeden Vulkanologen." Im Kontext betrachtet: Der Mt St. Helens in den USA, ein anderes geschlossenes System, erwischte die Geologen des Landes auf dem falschen Fuss, als er nicht durch die Spitze des Kegels ausbrach, sondern durch die Bergflanke, die geschwächt war. Vulkane sind eben nicht ordentlich. In diesem Zusammenhang ist zu sagen, dass Selfie-Videos von Ausländern und Einheimischen, die uns weismachen wollen, dass ‘Agung sicher ist’, nicht nur deren Ignoranz beweisen (wiederum meine Meinung), sondern grob irreführend sind.

9. Die irrige oder schlecht informierte Ansicht, dass er jetzt ‚unter Kontrolle‘ sei (als könnte man das über einen Vulkan vom Schlage eines Agungs sagen !!!), hat nun dazu geführt, dass viele Menschen in den innersten (und immer noch sehr gefährlichen) Bereich der 6 km Zone zurückkehren. Dies bereitet vielen echte Kopfschmerzen, da in diesen Zonen eine schnelle Evakuierung nicht gewährleistet ist, selbst wenn einige Stunden Vorbereitungszeit vorhanden wären. Die Vorstellung, dass moderne Kommunikation und Transportmittel die einfache und schnelle Evakuierung einer völlig ungeübten und unvorbereiteten Bevölkerung durch prinzipiell sehr gefährliches Gebiet gewährleisten, ist leider falsch....

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10. Diejenigen, die denken, dass die Evakuierung am 22. September gut organisiert war, sollen doch bitte mit den Leuten sprechen, die in einem 6-stündigen Stau auf der Strasse stecken geblieben sind, und mit denen, die am Strassenrand schlafen mussten. Solche und andere Auswirkungen liegen übrigens nicht in der Verantwortung der Vulkanologen. Diese sind für die Überwachung des Mt Agung und die Berichterstattung an die Behörden verantwortlich und Letztere dann für die Einleitung der erforderlichen Massnahmen. Das sollte eigentlich allen klar sein, aber aus irgendeinem Grund ist es das einigen Leuten nicht.

11. Es steht noch viel Arbeit an. Die irrige Ansicht, dass alles gut sei, wird wahrscheinlich zu einem Rückgang an Unterstützung und Finanzierung führen, die notwendig sind, um die verbleibenden Evakuierten zu versorgen, Vulkan- und Katastrophenausbildung und -training fortzusetzen und alternative wirtschaftliche Aktivitäten zu fördern, die von den Betroffenen sowohl zu Hause als auch an einem anderen Ort ausgeübt werden können. Evakuierte haben es nicht leicht - im Falle eines Ausbruchs ist Bali nicht nur in dieser Hinsicht erschreckend unvorbereitet.

12. Wir haben noch Zeit. Wie viel, wissen wir nicht. Aber wir müssen dieses Zeitfenster effizient und intelligent nutzen, um potenzielle Todesopfer zu vermeiden und dafür zu sorgen, dass die Evakuierten einigermassen menschenwürdig untergebracht sind und leben, während sie nicht zuhause sein können - ob nun der Vulkan ausbricht oder nicht. Wir sollten dieses Zeitfenster nicht ungenutzt verstreichen lassen, indem wir den Kopf in den Sand stecken.

Bild: Rio Helmi