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Die Kuh auf dem Vulkan


Vorgestern fand eine grosse Zeremonie auf dem Kraterrand des Mount Agung statt. Des rauchenden Mount Agung, wohlgemerkt. Es haben 253 Menschen daran teilgenommen.

Und eine Kuh.

Der balinesische Hinduismus ist wohl eine der rätselhaftesten Religionen der Welt. Obwohl er ursprünglich aus Indien stammt, ist er in vieler Hinsicht anders. Dabei hat sich angeblich der Hinduismus in Indien gewandelt und nicht der in Bali, vom dem man sagt, er sei eine wesentlich ältere Form dieser Religion.

Ein wichtiger Bestandteil des balinesischen Hinduismus sind Opfer. Sie werden jeden Tag gebracht, meistens Blumen in verschiedenen Farben, Reis, Süssigkeiten, Früchte. Bei grösseren Zeremonien kommt man jedoch nicht darum herum, auch Tieropfer zu bringen, meistens Hühner, Enten und Schweine. Diese werden nach der Zeremonie grösstenteils gegessen, so dass auch Tierfreunde aus unseren Kulturkreisen dagegen eigentlich nichts einzuwenden haben sollten. Schliesslich essen die meisten von uns ja auch Fleisch.

Doch dann sind da eben noch die Kühe. Den Hindus in Indien sind Kühe heilig und jedes einzelne Rind ist absolut unantastbar. Wer dort eine Kuh tötet muss selbst damit rechnen, geopfert zu werden. Doch in Bali ist das anders. Es fängt damit an, dass jeder Balinese etwas anderes erzählt, wenn es um Kühe geht: Sie sind heilig, sie sind nicht heilig nur eben anders als andere Tiere, Balinesische Hindus essen kein Kuhfleisch, sie essen doch Kuhfleisch, sie vertragen kein Kuhfleisch, bekommen Auschlag und Kopfschmerzen davon, ja es ist sehr schwierig, einem Balinesen irgendeine klare Aussage zu entlocken, von der der nächste Balinese oder womöglich er selbst nicht sogleich das Gegenteil behaupten.

Wir haben uns also damit abgefunden, dass Kühe in Bali irgendwie eine spezielle Stellung einnehmen. Einerseits sind sie so etwas wie heilige Tiere, deren Fleisch viele (aber nicht alle) Balinesen nicht gerne oder gar nicht essen. Andererseits sind es Nutztiere, die zum Felder bestellen gebraucht und verkauft werden, obschon jeder weiss, dass sie dann geschlachtet werden. So weit, so gut.

Doch nun war da die Sache mit der Kuh auf dem Vulkan. Komang, unser balinesischer "Kulturattaché", kommt in Erklärungsnotstand. Er weiss nicht genau, warum die Kuh geopfert wurde. So sei eben die Abmachung mit den Kühen: Die Balinesen essen kein Kuhfleisch, dafür sind die Kühe bereit, sich in einer Notlage oder bei einem drohenden Unglück für die Menschen zu opfern, um das Unglück abzuwenden.

Bei genauerem Nachdenken klingt das nach gar keinem so schlechten Deal für die Kühe. Nicht für diese Kuh natürlich, aber für die Allgemeinheit der balinesischen Kühe. Ein paar Millionen Menschen, die kein Kuhfleisch essen, machen einen grossen Unterschied. Obschon einige von ihnen ja doch Kuhfleisch essen. Habe ich schon erwähnt, dass der balinesische Hinduismus eine der rätselhaftesten Religionen der Welt ist?

Da bleibt eigentlich nur noch zu hoffen, dass die Kuh nicht umsonst gestorben ist, das heisst, dass der Vulkan sich von diesem Opfer tatsächlich beruhigen lässt und wieder in tiefen Schlummer sinkt.