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Die Urgrossmütter von Lipah

Wir sind gerade dabei, mögliche Projekte zu evaluieren, Mittagessen für Schulkinder, Wasserversorgung für die 100 Familien in den Hügeln, Unterstützung von Sport- und Kulturaktivitäten der Jugend bis zu einer Tourismuswebsite für unser Dorf: Jedes Thema wird eingehend mit einer kleinen Gruppe von Anwohnern besprochen. Da erzählt plötzlich unsere Nachbarin Wimega von alten Menschen, die oben in den Hügeln verstreut wohnen. Sie seien einsam, hätten oft nur Reis zu essen, benötigten medizinische Hilfe. Wir wollen uns selbst ein Bild machen und suchen zusammen mit ihr und dem Dorfvorsteher zwei alte Damen auf, die hoch oben auf dem Hügel hinter unserem Haus wohnen. Zuvor informieren wir uns jedoch noch darüber, wie man hierzulande für alte Menschen sorgt. Man erklärt uns, dass die Eltern, wenn sie alt sind und nicht mehr arbeiten können, traditionellerweise von den Söhnen unterstützt werden. Unsere gezielten Fragen fördern zutage, dass Seniorenheime hier gänzlich unbekannt sind. Die Familien kümmern sich umeinander.

All diese Informationen können uns nicht auf das vorbereiten, was wir gleich sehen werden. Wir fahren mit Motorrädern den steilen Hang hoch. Die Strassen sind nur teilweise befestigt. Dann entdecken wir ein paar kleine Häuschen. Wir balancieren über schwarze vulkanische Steine und Felsen, die überall im Garten verstreut liegen. Die Wände des winzigen Hauses aus geflochtenen, dünnen Bambusschienen bestehen mehr aus Zwischenräumen denn aus festem Material. Es ist schwer vorstellbar, dass in der Regenzeit irgendetwas im Inneren des Hauses trocken bleibt. In der Küche mit Lehmboden hängt ein Korb mit einem Topf gekochtem Reis von der Wellblechdecke. Das einzige Zimmer des Hauses wird von einem Bett ohne Matratze fast ausgefüllt.

Eine alte Frau sitzt vor dem Haus, grau-weisses Haar, ein viel zu grosses Hemd schlackert um ihren ausgemergelten Körper, und doch strahlt sie Würde aus und ihr faltiges Gesicht ist von einer unerwarteten Schönheit. Sie empfängt uns zurückhaltend, entschuldigt sich, dass sie nichts anzubieten hat. Zögernd beginnen wir ihr Fragen zu stellen, die sie bereitwillig beantwortet. Sie weiss nicht, wie alt sie ist. Beim letzten Ausbruch des Vulkans Agung, also 1963, hatte sie bereits 2 Söhne. Wir schätzen ihr Alter auf 75. Ihr Mann sei schon vor über 10 Jahren gestorben, sagt sie. Sie habe 8 Kinder und unzählige Enkel und Urenkel. Einer ihrer Söhne lebe mit seiner Familie gleich nebenan. Tagsüber sei niemand da ausser ihr. Alle arbeiteten unten im Dorf. Auf die Frage, warum sie hier oben lebe und nicht zu einem ihrer Söhne runter ins Dorf ziehe, schüttelt sie den Kopf. Hier seien die Erinnerungen ihres Lebens, hier sei sie zu Hause. Sie brauche ihr eigenes Heim. Sie wolle nicht weg und schon gar nicht irgend jemandem zur Last fallen.

Ah. Da ist er wieder, der balinesische Stolz, den wir schon so oft angetroffen haben. Er ist tief verwurzelt in Mentalität und Kultur. Man bittet nicht um Hilfe, man nimmt auch keine Hilfe an, wenn man keine Gegenleistung bieten kann. Doch als die Rede auf ihren Gesundheitszustand kommt, wendet sich das Blatt. Sie hat chronische Schmerzen im Rücken, in den Schultern und in den Armen. Die lebenslange harte Arbeit fordert ihren Tribut. Einen Arztbesuch, den wüsste sie sehr zu schätzen. Auch etwas Essen würde sie gerne annehmen.

Bei der anderen alten Dame noch weiter oben sieht es ganz ähnlich aus. Sie ist fast blind, doch sie humpelt, auf einen Bambusstock gestützt, barfuss durch das Gestrüpp auf der Suche nach Feuerholz. Auch sie weiss nicht, wie alt sie ist. Auch sie leidet unter chronischen Schmerzen und würde gerne einen Arzt sehen, aber nur, wenn der Sohn es erlaubt.

Wir sind sehr nachdenklich auf dem Weg nach Hause. Wir wollen helfen. Es ist nicht möglich, diesen Menschen zu begegnen und nicht zu helfen. Doch uns ist klar, dass wir ihnen nichts aufdrängen dürfen, was ihren Stolz oder ihre Würde antasten könnte. Kein einfaches Unterfangen, aber wir haben eindeutig unser erstes grösseres Projekt gefunden.