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Der grosse Tag

Heute ist es soweit. Zum ersten Mal verteilen wir das Mittagessen in den Hügeln von Lipah. Pünktlich um 12 Uhr, wie vereinbart, liefert Jero Wimega die 30 mit Reis, Fisch (tum ikan), Gemüse (urab), Tempe, Bali Sambel und einer Frucht gefüllten Bento-Boxen. Ines hat zuvor jede mit dem Namen des Empfängers und einer Nummer beschriftet. Letztere dient dazu, die Boxen in der umgekehrten Reihenfolge der Auslieferung in grössere Plastiksäcke abzufüllen, damit die beiden Boten bei ihrem Rundgang nicht zu viel darin kramen müssen. Wayan Rangsi und Wayan Aria übernehmen je 14, bzw. 16 Boxen. Letzterer wird seine Tour mit dem Töff machen, während der Kepala, der Dorfvorsteher, den Rundgang zu Fuss absolvieren wird. Komang, unser Driver, und ich beschliessen, Wayan zu begleiten.

Es ist heute sonnig und heiss und nach den ergiebigen Niederschlägen der letzten Tage schwül. Es fühlt sich fast an wie in der Sauna. Ich weiss zwar, dass ich fit bin, doch habe ich Respekt vor dieser Tour. Wayan übernimmt zwei Plastiksäcke mit je 5 Boxen, Komang einen mit deren vier. Mich wollen sie netterweise schonen, sodass ich neben meiner Wasserflasche und meinem Phone nichts weiter zu tragen habe. Bereits beim Dorfausgang steigt das Gelände sehr steil an. Wayan ist hier aufgewachsen und kennt buchstäblich jeden Stein, und so ist es nicht verwunderlich, dass er sofort eine Abkürzung einschlägt, die uns zwingt, auf einem schmalen Pfad über grössere und kleinere Felsen zu balancieren. Er ist etwa 50 Jahre alt, grossgewachsen und gertenschlank. Geschmeidigen Schrittes in den üblichen billigen Plastiksandalen, geht er bergan, als ob er nicht auch noch 10 Kg Bento-Boxen mitzuschleppen hätte. Da, wo ich mich mit einem Arm an einem Felsen abstützen muss, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, geht er aufrecht und trittsicher, in jeder Hand einen Plastiksack schwingend, über Stock und Stein. Ich keuche ihm hinterher.

Nach etwa 40 Minuten erreichen wir unser erstes Ziel. Die alte Frau, die uns schon von Weitem kommen sieht, breitet auf dem Betonboden schnell eine aus Bambus geflochtene Matte aus, auf der wir uns hinsetzen können. Sie ist so gebrechlich, dass wir den Deckel der Box für sie abnehmen müssen. Schnell greift sie in den Reis, knetet mit den Fingern geschickt ein mundgerechtes Häufchen und führt dieses zum Mund. Die restlichen Reiskörner, die noch an ihren Fingern haften bleiben, schüttelt sie weg. Im Hintergrund sitzt ihr Mann auf dem Boden, fast gänzlich erblindet und nimmt verbal Anteil an der Mahlzeit. Nach wenigen Bissen schliesst sie den Deckel der Bento-Box wieder. Komang übersetzt meine Frage, ob sie denn keinen Hunger habe. Doch, meint sie, sie werde nachher weiteressen. Ich mache mir so meine Gedanken: Der Kepala hatte uns empfohlen, Ehepaaren nur eine Box abzugeben, um keinen Neid bei denen zu erwecken, die wir nicht mit einem Mittagessen berücksichtigen konnten. Vielleicht, wenn wir gegangen sind, so denke ich mir, wird auch der betagte Ehemann in den Genuss einiger Bissen kommen. Nach einem kurzen Gespräch mit den Alten und einem pamit dumun, was auf Balinesisch so viel wie auf Wiedersehen heisst, setzen wir unsere Tour fort. Noch sind ja 13 Boxen zu verteilen. Der Aufstieg wird immer steiler und führt uns über einen in der Falllinie verlaufenden, von grossen Felsbrocken gesäumten Bach, in dem Kinder in einem kleinen gestauten Felsbecken fröhlich planschen. Die Aussicht auf das tief unter uns liegende Dorf und das Meer ist grandios und entschädigt mich für den atemraubenden Aufstieg.

Nach weiteren 20 Minuten erreichen wir das nächste Haus, und die kleine Begrüssungszeremonie mit dem Ausrollen des Bambusteppichs und der Abschiedsfloskel wiederholen sich. Ich bemühe mich, die kurzen Sätze in Balinesisch zu memorisieren, doch wegen der Anstrengung vergesse ich sie immer wieder, und um mich nicht wortlos verabschieden zu müssen, muss ich bei Komang nachfragen. Nach weiteren 20 Minuten erreichen wir die Strasse, die das Nachbardorf Lean mit unserem Dorf Lipah über den Hügel hinweg verbindet. Von dort aus sind die Spitze des erhabenen Mount Agung im Westen und Lombok, die Nachbarinsel Balis, zu sehen. Welch ein grandioser Panoramablick denke ich, und vergesse für kurze Zeit die Strapazen. Weiter geht es auf der Strasse steil bergan. Mein Smartphone zeigt mir an, dass wir uns auf 209 Metern über Meer befinden. Allerdings haben wir bis zu diesem Zeitpunkt bereits etwa 350 Höhenmeter bewältigt, weil wir jeweils von der Strasse aus entweder einen Abstecher hinauf, oder hinunter zu den Häusern nehmen müssen, um die Lunchboxen abzugeben.

Es ist schon nach 14 Uhr, als wir im Haus des kepala ankommen. Auch da wird schnell ein bunter Teppich ausgerollt, auf dem wir uns kurz ausruhen können, bevor wir den letzten Teil unseres Aufstiegs in Angriff nehmen. Die hochschwangere Schwiegertochter Wayans serviert uns heissen Bali kopi und jaja, womit Süssgebäck gemeint ist. Den Kaffee schlürfe ich in kleinen Schlucken, die atemberaubende Aussicht geniesse ich in vollen Zügen. In solchen Momenten wird mir jeweils wieder bewusst, wie genügsam die Dorfbewohner an diesen steilen Hängen leben. Und wie sehr sie ihre Freiheit in ihren Adlerhorsten hier oben lieben. So sehr, dass sie sich nicht überwinden können ans Ufer des Meeres zu ziehen, wo ihre Söhne ihrer Arbeit nachgehen und leben, und wo sie ein einfacheres Leben hätten, selbst dann nicht, wenn sie krank und gebrechlich sind und sich kaum vom Haus wegbewegen können. Und noch etwas fällt mir auf: die unglaublich herzliche Gastfreundschaft, die die Menschen hier pflegen. Auch wenn sie wenig oder fast gar nichts haben, zu einem Kaffee und etwas Gebäck, oder knusprigem Popcorn aus selbstangebautem Mais, muss es für einen Gast allemal reichen.

Apropos Mais: Schon während des Aufstiegs über schmale Terrassen, die die Bewohner dem steilen Hang abgetrotzt haben, staune ich darüber, dass in der Regenzeit jeder Quadratzentimeter einigermassen ebener Fläche bearbeitet ist. Unter den verschiedenen Blättern der kleinen Pflänzchen erkenne ich Mais und frage mich, ob das andere Grünzeug, das dicht neben dem Mais wächst, wohl Unkraut sei. Wayan erklärt mir, dass jeweils Mais, Langbohnen und Kürbisse gleichzeitig und dicht beeinander in weit auseinanderliegenden kleinen Flecken gepflanzt werden. Denn die Terrassen sind oft der einzige Verbindungsweg zwischen den verstreut liegenden Häusern am Hang. Und damit man die kleinen Gruppen von Pflänzchen nicht zertrampelt, liegen sie in genügendem Abstand nebeneinander, sodass man seinen Fuss zwischen ihnen aufsetzen kann. Nachdem der Mais als erster geerntet wird, ranken sich die Langbohnen am verdorrenden Maisstiel empor und erübrigen einen Stickel. Als letzte werden die Kürbisse reif, und alles wächst aus dem selben kleinen Loch im Erdboden. Das ist raffiniert denke ich mir, und eine hocheffiziente Anbaumethode in diesem äusserst kargen und steilen Gelände. Jeder Schweizer Bergbauer würde sich bei solchen Verhältnissen trotz Subvention dankend ins Unterland verziehen.

Nach dieser etwas ausgedehnteren Pause nehmen wir den Rest unserer Tour unter die Füsse. Es geht weiter über riesige Felsbrocken, die von einem Vulkan vor Jahrtausenden ausgespuckt worden sein dürften, steil bergan bis zum Haus, das der erblindete Vater Wayans und dessen Ehefrau bewohnen. Weil die Zeit schon gegen 15 Uhr vorgerückt ist, hatte er sich wohl zum Schlafen hingelegt. Wie sonst kann ein blinder Mann, obwohl sichtbar in bester körperlicher Verfassung, hier oben die Zeit verbringen? Meine Idee, ob er vielleicht gerne Musik hören würde, wird verneint. Er wolle nur seine Ruhe haben, meint sein Sohn. Wayan öffnet seinem Vater die Box und erklärt ihm, was sie alles enthält. Mit unsicherer Hand greift der kaki, was Grossvater heisst, in den kleinen Reisberg vor ihm und führt einige Reiskörner zu seinem Mund. Dann kostet er kurz vom Fisch und verschliesst die Box wieder. Er habe schon gegessen, meint seine Ehefrau, er werde es später essen. Beim Abschied reicht sie mir die Hand und bedankt sich für unseren Besuch und das Essen. Noch während ich gehe, hält sie meine Hand fest. Ich spüre Dankbarkeit. Mittlerweile sind wir bei über 250 Metern über Meer angelangt. Dann verabschiedet sich das Smartphone mit einem leisen ‘Bis Bald’. Ich bin erleichtert, dass es vor mir schlappgemacht hat. Aber viel fehlt auch bei mir nicht. Zu den letzten beiden Häusern brechen Wyan und Komang alleine auf. Ich will meine lädierten Knie etwas schonen für den bevorstehenden Abstieg.

Auf dem Weg ins Tal sind Komang und ich unter uns. Ich will von ihm wissen, wie er die Reaktion der Menschen auf das Essen einschätzt. Er nennt es Respekt, den die Leute vor dem unerwarteten Geschenk haben. Ich denke mir, wenn jemand Respekt haben muss dann wir vor der Demut und Lebensfreude unserer Balinesischen Freunde.

Zum Projektbeschrieb "Seniorenhilfe"