Das Geisterdorf

10.12.2017

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Unser Dorfteil von Bunutan, Lipah Beach, besteht aus zwei Hälften: der oberen am Hang des steilen Hügels und der unteren im flachen Gelände in Strandnähe. Der obere Teil ist unabhängig von der Saison mehr oder weniger touristenfrei, denn obwohl die Aussicht mit jedem Höhenmeter spektakulärer wird, ist die Gegend noch nicht gänzlich erschlossen: Es fehlt an geeigneten Strassen (vorzugsweise solchen, deren Steigung weniger als 30% beträgt), Wasserversorgung und Strom. Nicht eben einladend für potenzielle Urlauber. Ganz anders sieht es im unteren Teil von Lipah aus. Hier sind alle Resorts, Hotels und Homestays versammelt, möglichst nah am Strand gelegen, wie es sich für eine besucherfreundliche Touristendestination gehört. An der Hauptstrasse, und die meisten Urlauber lernen nie eine andere Strasse in Lipah kennen, reiht sich ein Warung (ein kleines, einfaches Restaurant) an den nächsten, ergänzt durch kleine Boutiquen, Tauchcenter und Geldwechselstuben. In der Hochsaison, von Juni bis Oktober und um die Weihnachtszeit, ist es hier so, wie die Balinesen es mögen: sehr belebt, um nicht zu sagen geschäftig. Touristen flanieren durch die Strassen (oder besser gesagt durch die Strasse), Taxis bringen die meist nur kurz verweilenden Besucher hierhin oder dorthin und die unvermeidlichen Motorräder wuseln virtuos durch die Lücken. Es wird gehupt, weil das in Bali zum guten Ton gehört, und die Geräuschkulisse wird durch die traditionellen Haustiere wie Hunde und Hühner vervollständigt. Die Einheimischen haben sogar ein Wort, das genau diesen Zustand beschreibt: ramai. Bei uns in Zürich an der Bahnhofstrasse ist es ähnlich ramai beispielsweise kurz vor Weihnachten oder beim Sommerschlussverkauf. Nur ohne die Hühner.

 

Natürlich ist es in unserem kleinen Dorf nicht annähernd so ramai wie in den traditionellen Touristenhochburgen im Süden Balis, doch es reicht, damit wir uns die ruhigere Nebensaison fast schon ein wenig herbeiwünschen. Natürlich haben wir, wenn dieser Gedanke vorbeiflattert, jedesmal ein angemessen schlechtes Gewissen, denn schliesslich bedeutet ja mehr Betrieb auch mehr Einkommen für die Einheimischen. Aber sogar diese geniessen die gemütlicheren Phasen des Jahres, wenn sie mehr Zeit für die Familie haben, ihre Kinder den Strand wieder in Besitz nehmen können und ihr Lebensrhythmus einmal mehr von hinduistischen Zeremonien bestimmt wird.

 

Aber niemand hat sich gewünscht, ja niemand hätte sich überhaupt vorstellen können, was jetzt in unserem geliebten Lipah vor sich geht. Von den grösseren Hotels und Resorts sind nur noch etwa die Hälfte offen. Gleiches gilt für die Warungs, Tauchcenter und kleinen Läden an der Hauptstrasse. Es gibt kaum noch Verkehr. Warum auch: Touristen, die man herumfahren könnte, sind so gut wie keine mehr hier und nur noch wenige können sich das Benzin für Vergnügungsfahrten leisten. Die Strasse ist so gut wie menschenleer, der Strand gehört wieder zu hundert Prozent den Fischern und den Kindern. Besonders abends ist der Unterschied auffallend. Wo man sonst ohne Probleme im Licht der Läden und Warungs spazierengehen konnte, braucht man jetzt eine Taschenlampe. In Lipah gehen im wahrsten Sinne des Wortes die Lichter aus. Da kann auch der atemberaubende Anblick des ausbrechenden Vulkans in der Abendsonne nur schwachen Trost spenden.

 Bild: ©dpa

 

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