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Lunchtime auf dem Hügel

Heute ist Donnerstag und somit die Verteilung unserer Lunchboxen fällig. Diesmal nimmt mich Jero Wimega auf ihrem Töffli mit, vor sich auf dem Trittbrett einen Turm von sechs reichlich gefüllten Boxen, fein säuberlich in einem grossen Plastiksack aufeinander gestapelt. Es geht steil bergan, zunächst auf dem schmalen und rissigen Betonstreifen, gerade mal einmeterfünfzig breit. Ich bin noch im Zweifel, ob ich nicht lieber zu Fuss unterwegs wäre, als auf diesem Höllenritt.

Dann gelangen wir auf einen unbefestigten Weg. Im steilsten Stück bleibt das Motorrad prompt stehen. Das Hinterrad dreht leer durch. Staub wirbelt auf. Ich steige ab und stosse das Motorrad an. Hinter der Kuppe stellen wir das Gefährt am Wegesrand ab und klettern zu Fuss den Hang hinunter, über Steine, kleine Felsen und über Äcker, in denen der Mais schon gut 30 cm hoch steht. In der Regenzeit schiesst hier alles in einem unglaublichen Tempo aus dem Boden, als gäbe es kein Morgen. Wenn man hier ein ‘Öpfelbüdschgi’ fallen liesse, stünde mit Garantie im nächsten Jahr ein Apfelbaum da.

Die erste Frau, Dadong Rana, der wir das Mittagessen bringen, kenne ich schon von diversen Besuchen. Kürzlich war auch der Doktor bei ihr. Es scheint ihr wesentlich besser zu gehen. Das erkenne ich an ihrer Körperhaltung. Noch vor zwei Wochen hat sie sich ständig an die Schultern gegriffen, die sie offensichtlich sehr schmerzten. Davon ist nichts mehr zu sehen. Jero erzählt mir, dass eine Frau aus Deutschland, die den Sohn der Dadong kenne, ihr eine Matratze, eine neue Bambusmatte und einen alten Fernseher geschenkt habe. «Dabei hätte sie viel eher eine Toilette gebraucht», antworte ich mit einem skeptischen Unterton. «Und der alte Kathodenstrahl-Fernseher frisst Strom wie beim Bitcoin-Mining», sage ich kopfschüttelnd. Jero fragt die Schwiegertochter der alten Frau, warum ihr Mann noch keine Toilette für seine Mutter gebaut habe. Die Frage wird mit einem Lächeln beantwortet.

Wir klettern hoch zum nächsten Haus. Die Felsstufen sind etwa einen halben Meter hoch. Es wundert mich nicht, dass alte, gebrechliche Menschen das Haus unter solchen Umständen gar nicht mehr verlassen können, es sei denn, sie werden getragen. Und das ist meist nur nach ihrem Tod der Fall. Als wir näher kommen, ruft die alte Frau freudig meinen Namen. Ich begrüsse sie mittlerweile auf Balinesisch mit ken ken kabare, was etwa ‘wie geht es dir’ bedeutet. Becik becik, sehr gut, ist ihre Antwort. «Jetzt spricht der schon Balinesisch», sagt sie lachend zu Jero. Ich geniere mich ein wenig, denn zu viel mehr hat es bisher nicht gereicht. Jero und ich setzen uns einen Moment zu der Frau und sprechen über ihr Befinden. Jero übersetzt. Es scheint ihr ganz gut zu gehen, jedenfalls freut sie sich über die Mahlzeit. Sie sei sehr gut, enak sekali. Dann brechen wir auf, nicht ohne uns mit einem pamit dumun, auf Wiedersehen, zu verabschieden. Jetzt wird sie endgültig glauben, ich sei fliessend in Balinesisch.

Die nächste Frau, die wir besuchen, hatte letzten Freitag ebenfalls Besuch vom Doktor, doch es geht ihr nicht wesentlich besser. Sie weigert sich, die ihr verschriebenen Medikamente zu nehmen. Die hängen in einem Korb unter dem Dach. Jero redet ihr gut zu. Nach einer Weile steckt die Dadong eine der Tabletten in ein Stückchen Banane und kaut darauf herum. «Nimm einen Schluck Wasser», empfiehlt ihr Jero, «dann rutscht sie besser runter!».

Wir klettern weiter den steilen Hang hinauf und gelangen zum einzigen Ehepaar unter unseren Betreuten, dem wir aber aus Rücksicht auf solche, die wir nicht berücksichtigen konnten, nur eine einzige Box bringen. Es soll nicht zu viel Neid entstehen. Der Mann begrüsst mich herzlich, mit einem kräftigen Händedruck und einem breiten Lachen. Er sitzt im Schneidersitz vor seinem Haus. Früher hat er die Kokosnüsse von den Palmen geholt und die abgestorbenen Palmwedel entfernt, damit sie niemand erschlagen. Er kennt unseren Garten, denn dort hat er schon viele Bäume gestutzt, mit einer einfachen Machete, als er noch aktiv war. Jetzt plagen ihn Arthritis und ein Leistenbruch, die es ihm nicht mehr erlauben, auf bis zu dreissig Meter hohe Palmen zu klettern, und das auch noch ohne jede Sicherung. Selamat makan, ‘en guete’, wünsche ich ihm und verabschiede mich mit einem ‘gimme five’ in seine zu mir ausgestreckte offene Handfläche. Ich fühle mich fast schon wie unter Freunden.

Unterwegs kommen wir am Haus von Wayan Aria vorbei, der sich auch gerade auf der Tour befindet. Davor steht seine Frau mit ihrem kleinen Jungen im Arm. Wir bleiben stehen und Jero beginnt ein Gespräch mit ihr. Es stellt sich heraus, dass der Bub, zwei Jahre und vier Monate alt, kaum stehen, geschweige denn gehen kann. Er weine sehr oft und viel, immer auch wenn er Wasser lösen müsse. Im Urin sei manchmal Blut zu sehen. «Worauf wartet ihr denn noch», frage ich Jero, «der Kleine gehört längst ins Spital». Jero erklärt mir, dass die Eltern kein Geld hätten und keine Möglichkeit, mit dem Buben nach Denpasar ins Spital zu gelangen. Sie seien zwar bei der staatlichen Krankenkasse versichert, aber kaum ein Spital akzeptiere Versicherte dieser Versicherungsgesellschaft, weil sie quasi bankrott sei. Die Prämien, die die Versicherten bezahlten, versickerten in der Administration und in deren überrissenen Gehältern. Das erinnert mich an eine Grossbank in der Schweiz, über die ich kürzlich einen Bericht gelesen habe. Sie zahlt dem CEO die höchsten Löhne und Boni weit und breit, fast siebenhundert der Top-Kader sind zudem Einkommensmillionäre, während man aus Kostengründen langjährige Angestellte auf niedrigen Hierarchiestufen rausschmeisst, einige davon über 50 Jahre alt. Ja, die Schweiz und Indonesien, denke ich mir, teilen nicht nur die Landesfarben, sie sind wie Jacke und Hose. Ob abzocken oder versickern lassen, das Ergebnis ist dasselbe. Geld hin oder her: Der kleine Junge ist in einem erbärmlichen Zustand und braucht Hilfe. Ich biete der Frau den Transport nach Denpasar mit unserem Auto an. Die Kosten für die Untersuchung zahlen wir aus eigener Tasche, sofern das Spital die Versicherung nicht anerkennt. Wir hinterlassen ihr Jeros Telefonnummer.

Den Weg zurück will ich zu Fuss gehen und verabschiede mich von Jero. Sie sagt, dass die Leute unsere Hilfe sehr schätzten, und es sei für sie eine Herzensangelegenheit, mitzuhelfen. Letzteres hätte sie nicht in Worte fassen müssen, ich habe es schon lange gespürt. Auf dem steilen Weg nach unten begegne ich Wayan Aria mit einem Stapel leerer Lunchboxen, die er zu Jero Wimega zurückbringt. Ich erkläre ihm, dass sein Sohn dringend ins Spital müsse. Jero und ich hätten das bereits mit seiner Frau besprochen. Er bedankt sich mit einem Lächeln. Balinesisch eben.