• Jero Wimega

Die Love-Story von Lean

Jero Wimega ist unsere Nachbarin und die Besitzerin des Warung Prada Shanti hier in Lipah. Sie kocht das gesunde und ausserdem sehr schmackhafte balinesische Essen für die alten Menschen in unserem Programm zweimal die Woche, füllt es in die Lunchboxen und liefert sie zu uns nach Hause. Ibu Jero hilft sogar dabei, den Leuten auf dem Hügel die Lunchboxen zu liefern. Man könnte sie den guten Geist unserer Organisation nennen: Wann auch immer sie jemanden in Not sieht, wird sie versuchen zu helfen. Wir sind glücklich, in ihr eine so verlässliche und warmherzige Partnerin zu haben, die unsere Projekte unterstützt.

Heute fahre ich mit meinem Motorrad den Hügel hoch, um die Lunchbox für Wayan Telaga und Nyoman Gerenjeng, besser bekannt als Dadong (Grossmutter) und Kaki (Grossvater) Simpen, persönlich abzuliefern. Ich möchte mich mit ihnen unterhalten, denn ich weiss nicht viel über sie, nur, dass sie ein kleines Stück den Hügel von Lipah hoch wohnen und zu den ältesten Einwohnern des Dorfes zählen. Es stellt sich heraus, dass die beiden immer noch ein recht aktives älteres Pärchen sind. Sie wissen nicht genau, wie alt sie sind, aber sie können sich noch an die Japanische Besetzung von Indonesien erinnern, die zwischen 1943 und 1945 stattfand. Damals waren sie beide Teenager, woraus wir schliessen, dass sie etwa 1930 geboren sein müssen, also jetzt etwa 88 Jahre alt sein dürften. Beide wurden in Lean geboren, unserem Nachbardorf, und sie kannten sich bereits von Kindesbeinen an. Die Familie von Nyoman Gerenjeng emigrierte nach Singaraja, der ehemaligen Hauptstadt im Norden Balis, als er noch ein Kind war. Trotzdem vergass er das kleine Mädchen, mit dem er in Lean gespielt hatte, nie, und auch Wayan Telaga und ihre Familie dachten viel und gerne an den aufgeweckten Jungen. Als das kleine Mädchen zu einer schönen jungen Frau herangewachsen war, sandten ihre Eltern eine Nachricht nach Singaraja und forderten Nyoman auf, nach Lean zurückzukommen und ihre Tochter zu heiraten. Sobald seine Zahnschleif-Zeremonie, eine traditionelle, balinesische Zeremonie, bei der die beiden Schaufelzähne unten angefeilt werden und die den Übergang zwischen Kindheit und Volljährigkeit markiert, vorüber war, verliess er seine Familie und ging nach Lean, um sie wiederzusehen. Er sollte nie mehr zurückgehen. Die beiden verliebten sich unsterblich ineinander, eine Liebe, die heute, 70 Jahre später, noch genauso stark ist wie damals. Man könnte es die Love Story von Lean nennen.

Nach ihrer Heirat bauten sie ihr kleines Häuschen am Hügel von Lipah. Beide erinnern sich noch gut an die Vulkanausbrüche von 1963. "Die Erde hat gebebt und da war ein Krach wie von einem Maschinengewehr", sagt Nyoman. "Aber wir hatten Glück: Abgesehen von etwas Asche hatten wir keine Probleme. Nicht so wie in den anderen Gegenden, wo viele Leute getötet wurden oder verhungerten, weil die Ernte ruiniert war." Sie hatten 8 Kinder, von denen die meisten heute tot sind: 3 starben im Kindesalter, 2 als Erwachsene. Damals gab es keine Ärzte oder Hebammen, nur einen traditionellen, balinesischen Heiler. Ihre überlebenden Söhne sind Nyoman Carik, der heute 65 Jahre alt ist, Wayan Tegal, 55, der als Lehrer an der Primarschule in Lean tätig ist, und Ketut Pucak Susena, 47, der in einem der Hotels an der Küste arbeitet. Mittlerweile haben Dadong und Kaki Simpen viele Enkelkinder. Doch obwohl ihre Enkelkinder sie schon viele Male aufgefordert haben, unten im Dorf bei ihnen zu wohnen, haben sie es stets abgelehnt, ihr Heim auf dem Hügel zu verlassen. Dadong kann nicht mehr gut gehen. Sie sitzt in ihrem bale und fertigt porosan an, einen kleinen aber wichtigen Bestandteil aller täglichen, hinduistischen Opfergaben auf Bali. Sie verdient sogar noch ein wenig Geld damit, aber oft schenkt sie sie auch einfach ihren Kindern und Enkelkindern. Ihr Mann kann noch ein paar Schweine halten, momentan sind es 3, die er füttert und versorgt. Bis vor einigen Jahren hielt er 4 oder sogar 5 Kühe, die er fütterte, bis er sie am Markt verkaufen konnte. Aber dann überzeugten ihn eines Tages seine Kinder, dass das in seinem Alter zu anstrengend sei und er hörte damit auf. Seitdem sorgt die jüngere Generation der Familie für die tägliche Logistik, wie Reis und andere Lebensmittel den Hügel zu ihrem Haus hinaufzutragen.

"Wir sind glücklich und dankbar für die Lunchbox zweimal die Woche", sagt Kaki Simpen. Als ich Dadong ansehe, scheint sie in Gedanken versunken, und ich frage warum. "Ich denke an meine Schwester", sagt sie. "Eigentlich meine Halbschwester, denn mein Vater war 7 Mal verheiratet. Eine meiner Halbschwestern, Nengah Gadung, lebt in Lean. Sie ist allein, sehr krank und sie hat keine Söhne, die sich um sie kümmern, nur zwei Töchter, die verheiratet und weggezogen sind. Ich habe gerade gedacht, dass so ein Mittagessen ihr wirklich gut tun würde. Glauben Sie, wir könnten unsere Box mit ihr teilen?" Ich verspreche ihr, mit Ines und Roy über ihre Schwester zu sprechen und die Möglichkeit zu diskutieren, eine weitere Empfängerin ins Projekt aufzunehmen. Als sie mich anlächelt, sehe ich die schöne, junge Frau vor mir, in die sich Nyoman Gerenjeng einst verliebt hatte.

Dadong und Kaki Simpen