Krankenstation auf dem Hügel

8.1.2018

von

Ines und ich hatten eine Weile überlegt, ob es gerecht sei, nur diejenigen Patienten in den Genuss ärztlicher Behandlung kommen zu lassen, die auf unserer Liste für die Mittagessen stehen. Was aber sollten wir für die Kinder tun, die ebenso dringend ärztliche Hilfe und Physiotherapie benötigen, und die Erwachsenen, die unter chronischen Schmerzen am ganzen Körper, unter Hautausschlägen, Stichen und anderen Widerwärtigkeiten leiden und sich keinen Arzt oder irgendwelche Pflege leisten können? Wie aber sollten wir die ganze Dorfbevölkerung in den Hügeln Lipahs mit medizinischer Hilfe versorgen? Es wäre ein logistisches und finanzielles Abenteuer, das unsere Möglichkeiten, trotz der zahlreichen Spenden, bei Weitem übersteigen würde.

 

Dann kam uns der Zufall zu Hilfe.

 

Im Zusammenhang mit unserem Projekt, die Wasserversorgung der Bewohner des Dorfteiles in den Hügeln von Lipah zu sanieren und zu erweitern (seit dem Jahr 2000 hat sich die Bevölkerung von 300 annähernd verdoppelt), kamen wir mit Ketut ‘Ping’ Suardana zusammen, der im Jahre 2011 als Mitglied und im Auftrage des Rotary Club Ubud den Bau der Trinkwasserversorgung in Lipah geleitet hatte. Wir wollten von ihm Genaueres über das damalige Projekt und die Begleitumstände wissen. Im Verlaufe dieses Gesprächs an Heiligabend 2017 fragten wir Ping auch nach seiner aktuellen Tätigkeit. Es ergab sich, dass er der operationelle Leiter der ‘Yayasan Rumah Sehat’ ist, was zu Deutsch etwa ‘Hilfswerk Haus der Gesundheit’ bedeutet. Rumah Sehat wurde 2011 vom australischen Ehepaar Ray und Sue Bishop gegründet und hat sich seither der Hilfe für Gesundheit, Hygiene und Ausbildung der Armen in Ostbali verschrieben. Rumah Sehat unterhält eine Klinik in Culik, einem Dorf etwa 10 Km nördlich von uns, in der mehrere Ärzte Patienten mit mittelschweren Befunden behandeln. Ein mobiles Team von ausgebildeten Arzthelferinnen und Pflegerinnen versorgt auch einige Dörfer in den Hügeln Ostbalis, nur noch nicht in Lipah.

 

Als Ping uns schilderte, dass er händeringend jemanden suche, der einen Patienten zwei Mal wöchentlich nach Denpasar zur Dialyse fahren könne, sagte ich ihm spontan zu. Nicht ohne ihn zu verpflichten, im Gegenzug mit seinem Team alle zwei Wochen nach Lipah zu kommen und hier alle Kranken zu versorgen. Per Handschlag war das Übereinkommen schnell besiegelt.

 

Am 27. Dezember wurde unser Dialysepatient Wayan Astra zum ersten Mal von unserem Fahrer, Komang Sukra Astika, nach Denpasar in die Klinik gefahren. Und seither zwei Mal jede Woche. Nun warteten wir gespannt auf die Ankunft und die Arbeit des Teams von Rumah Sehat.

 

Der erste Behandlungstag in den Hügeln von Lipah ist für den heutigen Tag vorgesehen.

Pünktlich um 10 Uhr ruft mich Ping an, um mir mitzuteilen, dass sich sein Team auf halber Höhe des Hügels vor einem kleinen Verkaufsladen eingerichtet und bereits die ersten Patienten in Empfang genommen habe. In gespannter Erwartung fahre ich hoch. Dort angekommen, treffe ich auf eine bunte Versammlung von Müttern mit ihren Kleinkindern, alten Frauen und Männern und jungen Burschen. Es kommt mir vor wie auf einem Marktplatz, ein Kommen und Gehen, untermalt von lautem Stimmengewirr. Söhne fahren ihre Mütter oder Enkel ihre Grossmütter auf dem Sozius ihrer knatternden Motorräder den Berg hoch.

 

Dadong Simpen, mit geschätzten 87 Jahren wohl eine der ältesten Bewohnerinnen der Hügel Lipahs, sitzt im Damensitz hinter ihrem Sohn auf dem Motorrad und lächelt still vor sich hin. Ihr Gesicht ist immer noch von grosser Schönheit und ihr wacher Blick und ihr Lächeln können einen verzaubern. Mit geübtem Griff legt sie ihr volles, graues Haar, das vom Motorradfahren durcheinandergeraten ist, wieder zurecht. Ihr Sohn und ein weiterer Mann helfen ihr abzusteigen und die drei Stufen bis zum Behandlungsplatz zu überwinden. Dort sitzen die Pflegerinnen von Rumah Sehat in ihren roten T-Shirts auf dem nackten Betonboden vor dem Verkaufsgeschäft. Sie kontrollieren eifrig Blutdruck, messen den Blutzucker, verabreichen Medikamente, hören den Patienten zu und beraten sie. Mit dem einen oder anderen vereinbaren sie eine Arztvisite in der Klinik in Culik. Eine Arzthelferin trägt fein säuberlich alles in ein Buch ein.

 

Ich begegne dort auch der Frau von Wayan Aria, einem unserer Lunchbox-Boten, mit ihrem kleinen Buben, der noch vor wenigen Wochen nicht auf seinen dünnen Beinchen stehen konnte und ständig vor Schmerzen weinte. Unsere gute Fee Jero Wimega hat sich darum gekümmert, dass der Kleine im Spital von Amlapura die richtige Behandlung bekommt. Nun steht er da, angelehnt an seine Mutter und strahlt mit ihr um die Wette. Ich bin mir sicher, dass der Kleine bald in der Lage sein wird zu gehen.

 

Mittlerweile hat mich Ping, der Unermüdliche und Dauerorganisator, gesichtet und beiseite gezogen. «Wie wäre es, wenn wir hier einen kleinen Behandlungsraum bauen würden?» Er stellt mir den Besitzer des Grundstücks neben dem Verkaufsgeschäft vor. Er sei bereit, uns das Land zur Verfügung zu stellen, und den Bau auszuführen, wenn wir die Kosten für die Baumaterialien übernähmen. Keine grosse Sache, denke ich, und bis in zwei Wochen, wenn Rumah Sehat wieder hierher kommen, könnte alles fertiggestellt sein. Da ich Hilfe zur Selbsthilfe als die nachhaltigste aller Hilfsangebote erachte, willige ich schnell ein. Wie schon zuvor besiegeln Ping, Made und ich alles per Handschlag.

 

Langsam löst sich die Menge auf. Da begegne ich der jungen Mutter mit ihrem kleinen Sohn, die ich schon vor ein paar Tagen unten im Dorf angetroffen hatte. Der Bub leidet unter spastischen Krämpfen, kann kaum den Kopf ruhig halten und ist nicht in der Lage zu sprechen. Ping meint, eine regelmässige Physiotherapie in der Hauptstadt könne dem Kleinen Linderung verschaffen. Da wir ohnehin zwei Mal in der Woche einen Patienten nach Denpasar fahren, schlage ich vor, dass wir Mutter und Sohn auch gleich mitnehmen. Ping wird die Termine mit den Kliniken koordinieren. Auf ihn ist Verlass.

 

Den Weg zurück gehe ich wie immer zu Fuss. Ich begegne vielen Kindern, die von der Schule nach Hause kommen. Einige sitzen zu Dritt oder zu viert auf einem Motorrad. Eines wird von einem kleinen Mädchen mit fliegenden schwarzen Zöpfchen gelenkt, hinter ihr sitzen zwei Buben auf dem Töff. Es ist heiss. Andere Kinder quälen sich zu Fuss die steile Strasse hoch, die Schultornister scheinen sie förmlich in den Boden zu rammen. Alle sind in dieselben adretten Schuluniformen gekleidet. Sie sehen gepflegt aus, Balis Schulkinder. Auch wenn das Leben in Bali an unseren Massstäben gemessen hart und entbehrungsreich ist, erscheinen uns die Balinesen irgendwie immer glücklich und mit ihrem Schicksal versöhnt. Da können wir Westler, die wir hier privilegiert leben, uns eine Scheibe davon abschneiden.     

 Dadong Simpen auf der Anfahrt per Motorrad zum Behandlungsort

 

   

Share on Facebook
Please reload

Kategorien
Please reload

News: Agung Now!

Rums!

25.5.2019

1/10
Please reload

Aktuelle Blogs
Please reload