• RH

Auf glatten Pfaden

Heute entscheide ich mich, wieder einmal Wayan Rangsi zu Fuss auf seiner Tour zu begleiten. Es herrscht bei uns zwar Regenzeit und es hat in den letzten Tagen auch öfter und ausgiebig geregnet. Diesem Umstand trage ich Rechnung, indem ich eine dünne Regenjacke einpacke.

Diesmal schultert der Kepala 14 gefüllte Bento-Boxen. Dazu fädelt er einen dicken Ast durch die Schlaufen der beiden gelben Plastiksäcke, in denen Jero Wimega die Boxen verpackt hat, und legt diesen quer über seine Schultern. Alleine der Anblick des Astes, der mit etwa 20 Kg hart auf seine Schulter niederdrückt, löst bei mir Schmerzempfinden aus. Mein Angebot, ihm ein Handtuch zu besorgen und dieses als Polsterung unter den Ast zu schieben, schlägt er freundlich aber bestimmt aus.

Dann machen wir uns auf den Weg. Unterwegs durchs Dorf fragen mich einige Bekannte mau ke mana, wohin gehst du? Das ist in Bali eine Begrüssungsfloskel und hat nichts mit Neugierde der Balinesen zu tun. Statt, wie bei uns üblich, sich nach dem Befinden des anderen zu erkundigen, fragen die Balinesen eben woher man komme, oder wohin man gehe. Mau ke atas bukit, ich will auf den Hügel hinauf.

Beim Dorfausgang biegt Wayan auf den mir bereits bekannten, kaum 30 Zentimeter breiten Trampelpfad ein, der steil ansteigt. Über Felsen, die nach den heftigen Regengüssen glitschig wie Schmierseife sind und über matschige Erde, die bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch von sich gibt, wuchten wir uns nach oben. Wayan voran, die Säcke baumeln am Ast, der schwer auf seiner Schulter liegt. Sicher setzt er Tritt vor Tritt in seinen billigen Flip-Flops, als steige er eine bequeme Treppe hinauf, während ich grösste Mühe habe, trotz Hightech-Schuhwerk an meinen Füssen, auf den rutschigen Oberflächen meine Balance zu halten.

Wie macht er das bloss, frage ich mich? Ein hagerer, grossgewachsener Mann von etwa 50 Jahren, kaum 60 Kg schwer, mit dünnen Beinen, an denen kaum Muskeln, geschweige denn Waden zu sehen sind, schwingt sich schwer beladen sichtlich mühelos den Hang hinauf. Bei dem Gedanken, dass er diese Tour Woche für Woche und bei jedem Wetter zwei Mal auf sich nehmen muss, um seinen Mitmenschen im Dorf ein Mittagessen zu überbringen, steigt meine Hochachtung, während mir langsam aber sicher die Knie weich werden.

Wir durchqueren rauschende Sturzbäche, zwängen uns zwischen mannshohen Maisstauden hindurch, balancieren auf glatten Felsen, stolpern über Schlingpflanzen am Boden und steigen in knietiefem, nassem Gras den Hügel hinauf. Für den traumhaften Blick hinunter zur Bucht von Lipah habe ich heute kein Auge, denn ich muss mich auf den glitschigen Pfad unmittelbar vor mir konzentrieren, um nicht zu Fall zu kommen.

Das aber ist auch kein angemessenes Verhalten, denn plötzlich schlage ich mit dem Kopf heftig gegen einen dicken Ast, der sich mir auf Kopfhöhe in den Weg stellt, und den ich übersehen habe. Der Schlag lässt mich rücklings über einige Felsbrocken hinweg, zwei bis drei Meter nach unten stürzen. Ausser einem blutigen Ellbogen ist indes alles heil geblieben, was der herbeieilende und besorgte Wayan durch Abtasten meines Armes auch bestätigt findet.

Nach etwa 40 Minuten des Aufstiegs und 140 überwundenen Höhenmetern kommen wir beim ersten Haus an, wo wir eine Bento-Box abliefern. Die alte Frau kommt freudig auf mich zu und reicht mir zur Begrüssung die Hand. Als Wayan von meinem Sturz erzählt und sie auf mein blutverschmiertes T-Shirt und meinen lädierten Ellbogen hinweist, quittiert sie dies mit einem ‘Oh’. Diese dadongs bringt so schnell nichts aus der Ruhe, denke ich mir. Es ist anzunehmen, dass sie bei ihren Kindern und Enkeln schon Schlimmeres gesehen haben.

Die kurze Pause ist eine Wohltat, doch weiter geht es steil bergan. Zwischendurch bleibt Wayan stehen, um mich zu fragen bisa?, geht’s? Es muss, denn mir bleibt keine andere Wahl, als bis zur Verbindungsstrasse hochzuklettern, da ein Abstieg über die rutschigen Felsen bei diesen Bedingungen keine Option ist. Auf dem Weg zur Strasse übergeben wir drei weitere Boxen und folgen ihr bis zum höchsten Punkt auf 210 Meter über Meer, wo der grosse Wasserspeicher steht. Dort verabschiede ich mich von Wayan, der seine Tour über Stock und Stein fortsetzt. Noch hat er ja zehn Boxen zu überbringen. Ihm weiterhin zu folgen würde mich heute überfordern. Ich frage mich, wie zäh und ausdauernd ein Mensch sein kann, der dazu so genügsam und bescheiden ist? In Gedanken ziehe ich meinen Hut. Matur suksma, pamit dumun, verabschiede ich mich von ihm.

Auf dem Weg hinunter komme ich an zwei jungen Männern vorbei, die mit ihren Motorrädern an der Strasse stehen und plaudern. Keinem bin ich zuvor je bewusst begegnet. Doch einer begrüsst mich mit Namen, was mich freut, aber auch ein wenig überrascht, sodass ich stehen bleibe. Noch bevor ich ihn fragen kann woher er mich kenne, bedankt er sich in leidlich gutem Englisch für unsere Hilfe. Seine dadong und sein kaki seien zwar schon verstorben, aber die dadong seiner Stiefschwester sei sehr froh um die gute und gesunde Mahlzeit. Wayan Rangsi bringe sie ihr immer. Ich antworte ihm, dass wir sehr gerne helfen und dass ich heute Wayan Rangsi auf seiner Tour ein Stück weit begleitet hätte. Beim Abschied stellt sich heraus, dass der junge Mann auch Roy heisst. Und als er sich nochmals für unsere Hilfe bedankt, geht mir durch den Kopf, wie bescheiden diese Menschen doch sind. Und wie familienverbunden, dass sie so aufrichtig dankbar sind, auch wenn unsere Hilfe nicht ihnen selbst, sondern bloss einem weit entfernten Verwandten ihrer grossen Familie zugutekommt.