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Der stille Tag

Er ist einzigartig und unvergesslich: der Tag der Stille auf Bali, hari nyepi, der dieses Jahr auf den 17. März fällt. Es ist der Neujahrstag des balinesischen Kalenders, der sich nach dem Mond richtet, der höchste Feiertag der hinduistischen Balinesen. Am Tag vor hari nyepi finden grosse Paraden statt, die mit der Verbrennung der grossen, bunten Figuren namens ogog ogoh enden. Durch den Lärm sollen böse Geister angezogen werden, die dann am nächsten Tag pünktlich um 6 Uhr morgens eintreffen. Und dann beginnt er, der stille Tag. Alle bleiben zu Hause und es gilt: keine Arbeit, kein Lärm, kein Feuer, kein Licht, keine Aktivität, kein Spass. Die Dämonen sollen denken, dass Bali unbewohnt ist und für ein weiteres Jahr von der Insel verschwinden.

Die Balinesen nehmen ihre Religion ernst. Deshalb gelten die Verhaltensregeln dieses speziellen Tages auch für alle anderen Menschen, die sich aus welchem Grund auch immer auf ihrer Insel aufhalten. Einmal pro Jahr steht also das Leben auf der ganzen Insel still: Kein Auto brummt, kein Motorrad knattert, kein Flugzeug fliegt, kein Schiff fährt, kein Licht brennt, kein Mensch hält sich im Freien auf..... wären da nicht die berühmten balinesischen Hähne, die, Feiertag hin oder her, unverdrossen weiterkrähen, so könnte man tatsächlich meinen, die Insel sei über Nacht ausgestorben. Doch das Leben wird nur von aussen nach innen gekehrt. Der Tag der Stille ist ein Tag der Kontemplation.

Damit das mit dem Kontemplieren auch klappt, wird einfach alles abgeschaltet, was sich störend auf die innere Einkehr auswirken könnte. Dieses Jahr will die balinesische Regierung gar besonders gründlich sein und hat deshalb beschlossen, auch Internet und Mobilfunk auszuschalten. Doch da hat sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn schliesslich gibt es auch ein paar praktisch und vorausschauend denkende Balinesen: die Wissenschaftler des vulkanischen Katastrophenschutzes. Sie legten ihr Veto ein, als verkündet wurde, dass das Mobilfunknetz lahmgelegt werden sollte. Grund dafür ist natürlich, dass im Falle eines grösseren Ereignisses im Zusammenhang mit dem nach wie vor aktiven Vulkan Agung die Bevölkerung nicht flächendeckend gewarnt und informiert werden könnte. Klingt irgendwie vernünftig und hätte der Regierung bei intensiverem Nachdenken auch selbst einfallen können.

So bleibt also das Mobilfunknetz aktiv. Aber dem Internet geht es an den Kragen. "Es wird die Leute nicht umbringen, mal einen Tag ohne Internet zu verbringen," witzelte der Gouverneur von Bali gegenüber der Presse. Es sei eine Geste des Respekts gegenüber den gläubigen balinesischen Hindus.

Klingt eigentlich ganz nett. Wer könnte denn auch etwas gegen eine Geste des Respekts haben? Also verbringen wir den stillen Tag brav und leise zu Hause und ergeben uns in unser Schicksal, das da lautet: Zwangskontemplation. Was tut man, wenn man nichts tun darf? Mein Mann dichtet in diesen Situationen jeweils. Heute ist es ein Gedicht über einen Katzenfloh im Katzenklo. Inspiriert wurde das Gedicht womöglich durch unsere Katze, die uns ursprünglich als Kater geliefert wurde. Mittlerweile sind es vier Katzen. Mein Mann ist ein Hundemensch. Das erklärt das Gedicht.

Unsere Katzen selbst haben wohl am wenigsten Mühe mit der Situation. Katzen sind geborene Philosophen. Keiner kontempliert professioneller als eine Katze. Umgeben von so viel innerer Einkehr vegetiere ich ergeben in stiller Zwangskontemplation durch den Tag.