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7,0

Lipah, ein Dorfteil von Bunutan, am 5. August 2018, 19.46 Uhr. Viele der Touristen, die trotz des 6,4-Erdbebens von letzter Woche mutig genug waren, nach Bunutan zu kommen, das am östlichsten Zipfel Balis liegt und somit der Nachbarinsel Lombok am nächsten ist, bestellen gerade ihr Abendessen in einem Restaurant oder Warung. Es ist ein ungewöhnlich kühler Tag, bedeckt und windig. Wir wollen gerade die leeren Salatschüsselchen unserer Vorspeise abräumen, da fängt das Haus an zu knarren. Der Tisch zittert, Flaschen und Gläser wackeln, bevor einer von uns überhaupt begreift, was los ist. In der nächsten Sekunde scheint sich die Welt um uns zu schütteln, so wie letzte Woche. Doch anstatt nach ein paar Sekunden abzuflauen, legt das Beben dieses Mal noch zu. Angstschreie sind von überall zu hören, Glas zersplittert in der Küche, das Haus ächzt über uns, Ziegel rutschen vom Dach und krachen auf den Boden. Und dann hört es plötzlich auf. Ein erster Augenschein enthüllt ein Bild der Verwüstung in der Küche, wo Flaschen und Gläser aus den Regalen gesprungen und am Boden zerschellt sind. Die braune Flüssigkeit aus Essig, Soyasauce und Kokosöl, in der die Scherben liegen, macht den Anblick nicht angenehmer. Wir haben jedoch kaum Zeit, das ganze Ausmass des Schadens zu begutachten, da dringen Schreie von der Strasse zu uns: Das Meer zieht sich zurück. Ein Motorrad nach dem anderen passiert unser Grundstück, und alle haben das gleiche Ziel: den Hügel hinter uns. Wir lassen alles stehen und liegen und schliessen uns dem Exodus an. Die meisten von uns werden von einem der vielen Motorräder mitgenommen, der Rest der Gruppe läuft, bis die Seiten stechen, denn der Hügel ist steil. Bei der Baustelle der neuen Krankenstation, etwa 50 m über dem Meer, finden wir uns wieder, zusammen mit etwa 100 Dorfbewohnern. Immer wieder fahren Motorräder nach unten, um Einheimische und Touristen zu holen, während die Erde unter uns von kleinen Nachbeben erschüttert wird. Wir finden viele unserer Nachbarn und Freunde hier oben wieder. Alle stehen noch unter Schock, wie wir. So ein starkes Beben hat niemand von ihnen je erlebt. Es regnet leicht, ein seltenes Ereignis in der Trockenzeit in dieser Region. Langsam tröpfeln Informationen von der Aussenwelt zu uns: Stärke 7,0, Epizentrum Lombok, Tsunamiwarnung für unsere Region, Nachbeben erwartet. Obwohl die Tsunamiwarnung bald aufgehoben wird, beschliessen wir, die Nacht in dem kleinen Bale bei der Krankenstation zu verbringen, falls stärkere Nachbeben eine erneute Warnung auslösen. Unsere Gedanken sind bei den Menschen in Lombok, während wir leicht fröstelnd auf dem harten Holz des Bales liegen. Der Morgen enthüllt die Schäden: Viele Scherben, ďie meisten Dachziegel liegen zerschmettert im Küchengarten, die Terrasse hat sich ein paar Zentimeter abgesenkt, die Mauern haben viele Risse im Verputz. Doch am meisten Sorgen macht uns das Haus mit dem Musikraum: Ein paar tragende Balken haben verdächtige Risse, die uns gar nicht gefallen wollen. Schweren Herzens evakuieren wir das Gebäude, bis ein Experte uns sagen kann, ob die Statik des Gebäudes kompromittiert wurde oder nicht. Schweren Herzens, denn die unmittelbare Konsequenz ist, dass wir unser Benefizkonzert vom Samstag mangels Probengelegenheit absagen müssen. Die eigentlichen Opfer sind einmal mehr in der lokalen Bevölkerung zu suchen. Am schwersten hat es natürlich die Menschen in Lombok getroffen. Gleich danach kommen die Bewohner unserer Region, denn hier war das Beben stärker als im restlichen Teil Balis. Nicht nur brechen erschreckte Urlauber einmal mehr ihre Ferien hier ab, jetzt haben auch noch viele Anwohner beschädigte Häuser, die bei einem stärkeren Nachbeben jederzeit zusammenfallen könnten. PS: Kaum habe ich den Blog beendet, werden wir erneut von einem kurzen Beben durchgeschüttelt, diesmal 5,9.

Nachbeben werden wiederum erwartet.