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Supermond

Der Super-Mond vom 21. auf den 22. Januar brachte an den Küsten Ostbalis Rekord-Gezeiten und vier Meter hohe Wellen, die sich unerwartet weit ins Küsteninnere ergossen. Die Behörden hatten auf allen Kanälen warnend auf diese Gefahren aufmerksam gemacht.

Drei Tage danach mache ich mich auf zum Strand, um mich ein wenig umzusehen. Als erstes fällt mir auf, dass ich keine einzige Sonnenliege und nicht einen Sonnenschirm sehe, wo sonst die Liegen fein säuberlich in Reih und Glied aufgestellt sind und unter dem Schatten der Sonnenschirme auf zahlende Gäste warten. Nun gibt es an diesem trüben Tag keinen Sonnenstrahl und infolgedessen auch keinen Schatten zu sehen, und von Touristen ist auch weit und breit keine Spur. Wo aber sind die Liegen und Sonnenschirme geblieben? Vielleicht sind sie ja rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden, denke ich etwas sehr optimistisch.

Nachdenklich gehe ich in Richtung der Stelle in der traumhaft schönen Bucht von Lipah, an welcher sonst die Fischerboote dekorativ am Strand liegen. Kein einziges ist zu sehen. Die von den Balinesen Jukung genannten, filigran wirkenden Doppel-Ausleger-Boote haben beidseits des Rumpfes elegant geschwungene Holzausleger, an deren Enden parallel zum Bootsrumpf lange Bambusrohre befestigt sind. Diese geben den Booten seitlich Auftrieb, sollte das Boot zu stark krängen. Deshalb liegen die Junkungs erstaunlich stabil im Wasser. Auch stärkerem Seegang halten sie stand.

Was ich auf meinem Weg zu den Booten zuerst antreffe, ist ein Haufen durcheinander liegender zerborstener Ausleger und zersplitterter Bambusrohre. Offensichtlich waren die Boote von der starken Brandung überrollt und aufs Ufer geworfen worden. Dabei wurden Ausleger abgebrochen und Bambusrohre wie Zündhölzer geknickt. Die dazugehörenden Boote liegen einige Dutzend Meter weit im Landesinneren, mitten in der Botanik. Ein ungewohnter, trauriger Anblick.

Wie sich später herausstellt, hatten an der ganzen Ostküste Balis die Fischer kaum Notiz von den Warnungen der Behörden genommen. Sie wussten zwar aus Erfahrung, dass jeweils im Monat Januar besonders heftige Monsunwinde die Küsten unsicher machen können. Aber offensichtlich rechneten sie nicht damit, dass die besondere Konstellation von Erde Mond und Sonne in jener Nacht die Gewalt der Brandung um ein Vielfaches verstärken würde. Wie überall waren auch in Lipah Beach die Fischer zu unbekümmert, was letztlich zu den Zerstörungen und dem grossen Sachschaden, nicht nur an den Jukungs, führte.

Denn die Fischer hätten die Boote vorsorglich weiter den Strand hinauftragen sollen. Wer aber schon miterlebt hat, wie schweisstreibend es ist, ein schweres Junkung, selbst zu viert, an den Auslegern mit den Schultern in die Höhe zu wuchten und es über die sandigen Borde am Ufer emporzustemmen, kann sich ausmalen, dass man das nur in grosser Not tun würde. Aber vorsorglich?

Etwas weiter westlich stosse ich auf einige Fischer, die mit der Reparatur eines gebrochenen Auslegers beschäftigt sind. Ich geselle mich zu ihnen und frage sie nach dem entstandenen Schaden. Beim einen ist es eine Million Rupiah, beim anderen sind es wegen des gebrochenen Rumpfes gar deren fünf. Ein Junkung mittlerer Grösse kostet ohne Motor 12 Millionen Rupiah, etwa einen halben Jahreslohn eines Angestellten. Für den Motor kommen nochmals etwa 14 Millionen hinzu, sofern man Glück hat und einen gebrauchten Aussenborder findet. Für einen Fischer ein veritables Vermögen. Kaum einer kann sich das ohne Hilfe der Familie leisten, oder ohne sich bei Freunden und Bekannten oder bei einer Bank zu verschulden. Meistens ist es sogar nötig, alle diese Quellen anzuzapfen. So wage ich es denn auch nicht zu fragen, wie viel Schulden noch auf dem Boot lasteten.

Ob sie denn die Warnungen der Behörden nicht mitbekommen hätten, frage ich etwas provozierend. Doch schon, meint einer der Fischer ruhig und mit Unschuldsmiene. Man sei gegen 21 Uhr an den Strand gegangen, um nachzusehen. Da sei noch alles ruhig gewesen. Als dann um 22:30 die Wellen mit lautem Getöse hereingebrochen seien, sei es bereits zu spät gewesen. Und zu gefährlich, um noch etwas zu retten.

Bei dieser Gelegenheit erfahre ich auch, dass die 18 Sonnenliegen und neun Sonnenschirme von der hochgehenden See weggespült worden seien. Etwas Ähnliches habe ich schon geahnt. Mit deren Vermietung an Touristen hatte sich eine Gruppe von Fischern und anderen Dorfbewohnern ein Zubrot zu ihrem kargen Einkommen erarbeitet. Nun ist auch dieses verloren, denn zurückgegeben habe das Meer von den Liegen und Sonnenschirmen nur noch zersplittertes Holz und Stofffetzen.

Auf dem Weg nach Hause reift in mir der Gedanke, den Fischern langfristig zu helfen und das trotz allen Unverständnisses über deren Leichtsinnigkeit. Wir könnten einen Fonds äufnen, aus welchem ihnen in Härtefällen wie diesen, schnell, unkompliziert und unbürokratisch geholfen werden könnte. Da das Ganze nachhaltig sein muss, müsste jeder Fischer für sein Boot und jeder Besitzer von Sonnenliegen und Sonnenschirmen jährlich eine kleine Summe in den Fonds einzahlen. Abhängig von der Schadensumme, die im Vorjahr ausbezahlt wurde. Der Fonds müsste überdies von den Fischern selbst verwaltet und bewirtschaftet werden.

Schnell lasse ich diesen Gedanken wieder fallen, denn die Balinesen leben im Hier und Heute und unser im Westen konditioniertes langfristiges Denken ist ihnen weitgehend fremd. Eines jedoch ist mir klar: so sehr die Balinesen im Jetzt leben, so sehr ist auch unsere Hilfe jetzt angesagt.

Zuhause angekommen treffe ich Jero Wimega, die uns wegen der neuen Bento-Boxen für die Verpflegung der alten Leute aufgesucht hat. Ich erzähle ihr von meinen Erlebnissen am Strand und dass ich es befremdlich finde, dass die Fischer alle behördlichen Warnungen buchstäblich in den Wind geschlagen hätten. Darauf Jero Wimega: «Die wenigsten Balinesen schauen Fern. Wenn doch, dann Soap Operas oder Bollywood-Filme. Nachrichten interessieren sie weniger.»