Feuer auf dem Hügel

1.9.2019

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Kürzlich wurde uns zugetragen, dass auf dem Hügel in unserem Dorf Lipah ein Haus in Flammen aufgegangen sei. Das Haus gehöre dem Vater von Wayan Arya, und es sei kaum Geld vorhanden um das Dach neu zu bauen. Wayan Arya hilft uns seit Beginn unseres Hilfswerkes ‘Mittagessen’ bei der Verteilung der Mahlzeiten an die Alten und Gebrechlichen in den weitläufigen Hügeln unseres Dorfes. Ohne seinen Goodwill wäre dies unmöglich. Wayan hat auch tatkräftig an unserer Krankenstation mitgebaut, und das zu einem stark reduzierten Tageslohn. Natürlich lassen wir seinen Vater jetzt nicht, im wahrsten Sinne des Wortes, im Regen stehen.

 

Ich will mir ein Bild von der Situation machen und fahre mit dem Motorrad die steile Strasse hinauf. Schon von Weitem sehe ich das Haus ohne Dach. Beim Näherkommen bemerke ich, dass die Ruine notdürftig mit einer blauen Plastikplane abgedeckt worden ist. Ein sanfter Windstoss, und der dünne Plastik würde davonfliegen. Neben dem Gebäude türmen sich ein Berg von zerbrochenen Ziegeln und ein Haufen teilweise verkohlter Bambusstangen.

 

Ich lasse mein Motorrad neben der Strasse stehen und balanciere den steilen Hügel auf einem schmalen Trampelpfad hinauf. Er führt an kleinen und grossen Felsen vorbei und teilweise über diese hinweg. Man muss sich den Weg selber suchen. Die letzten Meter hinauf zum Vorplatz aus gestampfter Erde gleichen einer voralpinen Klettertour auf glitschiger Unterlage. Wie um alles in der Welt sollen hier gebrechliche alte Menschen jemals wieder ihr Haus verlassen können, frage ich mich etwas ratlos und gebe mir gleich selbst die Antwort: Niemals.

 

Oben angekommen, begrüssen mich Wayan Arya und sein Vater mit dem für Balinesen so typischen und überaus sympathischen Lächeln, das nie aufgesetzt wirkt. Gemeinsam inspizieren wir das Haus, beziehungsweise was davon noch übrig geblieben ist. Der Dachstock ist in Brand geraten, weil der Vater ein Räucherstäbchen im Inneren anzündete, wie er das seit eh und je täglich macht. Dann verliess er den Raum, um Holz in der Umgebung zu sammeln. Unglücklicherweise fiel das brennende Räucherstäbchen auf eine darunter liegende Matratze. Als diese anfing zu brennen, dauerte es nicht lange, bis das Feuer sich im Bambusdachstuhl ausbreitete. Das Ganze muss wohl gebrannt haben wie ein dürrer Christbaum im Februar.

 

Vom Haus stehen noch die teilweise geschwärzten Mauern. Es besteht aus drei kleinen Räumen auf einem L-förmigen Grundriss. An manchen Stellen kann ich durch das unverputze Mauerwerk hindurchblicken. Als ich dies bemerke, erinnere ich mich an einen alten Bekannten, Gelegenheits-Maurer aus Neapel, der mir vor Urzeiten in Zumikon eine lauschige Pergola samt Cheminee und Mäuerchen mit Granitabdeckung gebaut hatte. Seinen bauhandwerklich eminent wichtigen Hinweis werde ich nie vergessen: «Ein Mauerwerk ohne Verputz ist keine Mauer, sondern bloss ein Steinhaufen. Erst der Verputz verleiht dem Steinverbund die nötige Stärke und Stabilität.» Wenn bloss mehr Balinesen seinen Rat beherzigen würden, würden bei den häufigen Erdbeben auch weniger Mauern einstürzen. Aber natürlich darf man dabei nicht ausser Acht lassen, dass sich nicht alle Balinesen die Mehrkosten für den relativ teuren Zementverputz leisten können.

 

Die Zimmer des Hauses sind, wie bei den Balinesen üblich, für unsere Begriffe winzig. Das soll angeblich damit zusammenhängen, dass sich die Balinesen vor bösen Geistern aus dem Meer fürchten. Deshalb bauen sie kleine Zimmerchen mit wenig Möbeln, damit sich die Geister darin nicht verstecken können. Diese wenigen Möbel sind nun ein Opfer der Flammen geworden: die Matratze, ein kleines Schränkchen mitsamt dem Schuldiplom des jüngsten Sohnes, ein Holzteller für Opfergaben, der sich seit mehr als100 Jahren in Familienbesitz befunden hatte.

 

Beim näheren Hinsehen entdecke ich, dass die Front des Hauses beschädigt und nur notdürftig geflickt ist. Der Schaden wurde durch die beiden starken Erdbeben im August letzten Jahres verursacht, weil über den Fenstern und Türen kein Sturz eingebaut worden ist. Bevor ein neuer Dachstuhl aufgesetzt werden kann, muss die Struktur fachmännisch verstärkt werden. In der nachfolgenden Diskussion mit Wayan Arya werden wir uns schnell darüber einig, dass er als allererstes die Struktur verstärken muss. Das sichert er mir zu. Im Gegenzug verspreche ich ihm, ihm bei der Beschaffung der benötigten Baumaterialien wie Backsteine, Zement, Sand, Bambusrohre, Dachziegel und Nägel finanziell unter die Arme zu greifen. Bauen müsse er das aber selber.

 

Am nächsten Tag schon bringt er mir eine Zusammenstellung aller benötigten Materialien. Knapp 15 Millionen Rupiah kosten sie (das sind knapp 1'000 Franken). Ich fahre mit ihm in das nahegelegene Geschäft für Baumaterialien und verständige mich mit dem Geschäftsinhaber, dass wir davon 10 Millionen Rupiah übernehmen, und Wayan Arya und seine Familie den Rest.

 

Nun kann sein Vater bald wieder unter einem dichten und sicheren Dach leben, was besonders wichtig wird, wenn sich in wenigen Monaten die sintflutartigen Regenschauer, von heftigen Winden gepeitscht, über die Hügel von Lipah ergiessen werden. Hilfe zur Selbsthilfe macht es möglich.

 

 

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