Indonesien in Zeiten von COVID-19

20.4.2020

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Während weltweit viele Länder fieberhaft nach wirksamen Strategien im Kampf gegen die Pandemie suchen, tut sich Indonesien ganz besonders schwer. Bereits zu Beginn der Krise machte die Regierung mit gezielten Falschinformationen Schlagzeilen und gab erst Anfang März die Existenz des Virus im eigenen Land zu. Seitdem steigen die Zahlen, trotzdem Indonesien so wenige Tests pro Einwohner durchführen lässt, wie kaum ein anderes Land. Daran hat auch Testequipment aus der Schweiz und aus Singapur noch nicht viel geändert. Man ist zur Zeit weit von den versprochenen 10'000 Tests pro Tag entfernt. Viele Menschen sterben, noch bevor sie getestet werden können. Experten zufolge ist die Dunkelziffer der Infektionen, Erkrankungen und Todesfälle, die von SARS-CoV-2 verursacht werden, in Indonesien besonders hoch. Die Mortalitätsrate liegt offiziell bei fast 9%. Die Realität dürfte noch schwärzer aussehen.

 

Nicht nur an der medizinischen Front sondern auch bei strategischen Entscheidungen wirkt Indonesien weitgehend hilflos. So organisierte man plötzlich flächendeckende Desinfektionen mittels Tanklastwagen, die die Strassen einsprühten, bis man wohl einsah, dass das Virus nicht zu Fuss unterwegs ist. Und obschon mittlerweile die gleichen social distancing Empfehlungen ausgesprochen werden wie überall, sind es eben nur das: Empfehlungen. Es gibt keine verbindlichen Anweisungen von der Indonesischen Regierung, wie die Menschen sich zu verhalten haben. Und ausser ein paar halbherzigen Versuchen, die nationale Reiselust zu dämpfen, gelten auch keine Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Ramadan und das anschliessende Mudik stehen unmittelbar bevor, eine Zeit, in der die indonesischen Muslime nach Hause zurückkehren, um im Kreise ihrer Familien zu feiern. Sollte das dieses Jahr auch geschehen, werden sich mehrere Millionen Menschen aus dem COVID Hotspot Jakarta über die vielen tausend Inseln Indonesiens ergiessen und das Virus verteilen. Doch selbst angesichts dieses Horrorszenarios kann sich die Regierung nicht zu einem Reiseverbot durchringen.

 

Neben politischen Charaden ist ein Grund dafür vielleicht in der indonesischen Mentalität zu suchen, die in diametralem Gegensatz zur nordasiatischen steht. Gehorsam gegenüber der weltlichen Obrigkeit steht bei den Indonesiern nicht hoch im Kurs. Die Indonesische Seele reagiert höchst misstrauisch auf alle Versuche, sie zu bevormunden. Das mag damit zu tun haben, dass sie höchst religiöse Menschen sind, wobei die Art der Religion keine grosse Rolle spielt. Religion prägt den Alltag und bestimmt ihr Handeln. Das ist bei den balinesischen Hindu nicht anders als bei den javanesischen Muslimen. Sie gehorchen eher den Anweisungen ihrer religiösen Führer als denen der Regierung, die bestenfalls geduldet wird. Mit zu aggressiven Vorschriften riskiert Präsident Jokowi womöglich einen Volksaufstand.

 

Während man in Java nach wie vor Menschenmassen in die Moscheen strömen sieht, mit Gesichtsmasken als einzigem Zugeständnis an die Krise, scheinen viele Bewohner Balis mittlerweile den Ernst der Lage erfasst zu haben. Das heisst aber nicht, dass sie der Regierung und ihren Massnahmen vertrauen. Wenn es darum geht, die Familie und sich selbst zu schützen, setzen die renitenten Balinesen eher auf Selbstverteidigung. Das mussten die Behörden feststellen, als sie aus dem Ausland heimgekehrte Balinesen für 14 Tage in einem Hotel in Quarantäne unterbringen wollten, eigentlich ja eine gute Massnahme. Doch die Nachbarn des Hotels blockierten die Zufahrt zum Hotel, weil sie Angst hatten, die Heimkehrer könnten das Virus in ihr Dorf bringen. Auch Boote mit Erkrankten von kleinen Nachbarinseln werden behindert. Wie überall setzt die Krise in manchen Menschen das Schlechteste frei und in anderen das Beste.

 

Bisher ist die offizielle Infektionszahl in Bali mit 135 noch immer sehr tief und die Provinzregierung setzt auf Isolierung und Kontaktnachverfolgung der Infizierten Personen und Quarantäne von Einreisenden. Gleichzeitig spricht der Gouverneur von Bali aber davon, den nationalen Tourismus bereits in wenigen Wochen wieder ankurbeln und kurz danach Besucher aus China wieder nach Bali locken zu wollen. Beide Vorhaben würden sicher der Wirtschaft im Süden Balis helfen. Doch im Kampf gegen die Verbreitung von COVID-19 wären sie ein fataler Fehler: Die meisten Inlandtouristen kommen aus Java, dem Infektionshotspot des Landes. Diese nach Bali einzuladen, wird auch in ein paar Wochen noch eine schlechte Idee bleiben. Und angesichts der Unsicherheit über die tatsächlichen Infektionszahlen in Bali werden sich gerade die Chinesen hüten, das Virus von Bali wieder in die Heimat mitzunehmen und dort eine erneute Ausbreitung zu riskieren.

 

Die Diskussion wird momentan in jedem Land geführt: Was ist wichtiger, Menschenleben oder Wohlstand? Die Argumente für beide Seiten sind hinlänglich bekannt. Aber gerade Touristendestinationen müssen erkennen, dass es keinen anderen Weg aus der Krise gibt, als das Virus loszuwerden. Je früher das passiert desto besser... für die Menschen und ihren Wohlstand.

 

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