Die Austreibung des Tornados

24.5.2020

von

Wir sind gerade dabei unsere Pizza, auf die wir schon ungeduldig gewartet haben, in den Ofen zu schieben. Obwohl das Wetter etwas windig und der Himmel wolkenbehangen ist, haben wir alle Türen und Fenster in der Küche offen gelassen, denn die Hitze ist momentan gross und wegen des auf Höchsttemperatur eingestellten Backofens ist die Küche noch heisser als sonst. Da bringt der kleinste Luftzug willkommene Linderung.

Plötzlich fängt in der Ferne eine Frau an laut, ausdauernd und mit gellender Stimme zu schreien. Wir zucken zusammen. Eine zweite und dritte Frauenstimme mischen sich ein. Innert weniger Sekunden schwillt das Gekreische zu einem bedrohlich klingenden, vielstimmigen und ohrenbetäubenden Tumult an. Ines blickt mich fragend an, ich zucke mit den Achseln, denn ich kann mir nicht vorstellen, was die Frauen dermassen zum Schreien anregen könnte. Dann mischen sich auch Männerstimmen in die Kakofonie. Gegenüber unserem Grundstück, jenseits der kleinen Dorfstrasse, befindet sich der Shop und das Warung von Made Sekar. Von dort her hallen die Schreie zu uns herüber. Plötzlich hören wir lautes Hämmern gegen die Rolladen des Shops und das Gekreische, in das sich nun auch noch aufgeregtes Hundegebell mischt, wird noch lauter. Mittlerweile hat sich unser Puls erhöht. Könnten die Schreie und das Hämmern und Schlagen gegen Metall Warnrufe wegen eines nahenden Tsunamis sein?

 

Obwohl wir dieser Tage unser Grundstück gemäss den Weisungen der Indonesischen Regierung nicht verlassen, beschliesse ich nachzusehen und nähere mich auf der Hauptstrasse der Abzweigung hinauf zum Warung Jonny, woher der Lärm kommt. An der kleinen Kreuzung stehen zwei Balinesen, die sich unterhalten und sich in keiner Weise um den Lärm zu kümmern scheinen. Gerade als ich in den Gang trete (so heissen die kleinen, kaum zwei Meter breiten Strässchen, die durch unser Dorf führen), kommt mir Ibu Jero auf ihrem Motorroller entgegen. Sie scheint ob des ohrenbetäubenden Geschreis und Lärms auch nicht besorgt zu sein, zumindest begrüsst sie mich wie gewohnt herzlich mit einem «Mau ke mana?» (Wohin gehst du?). Sie bleibt neben mir stehen, und als ich ihr, ohne ihre Frage zu beantworten, die Gegenfrage stelle, was der Lärm denn zu bedeuten habe, lächelt sie mich wissend an und sagt: «Weisst du, wenn die Balinesen schwarze Gewitterwolken und vielleicht sogar einen kleinen Tornado sehen, beginnen sie laut zu kreischen und einen grossen Lärm zu veranstalten, damit sich die Wolke verzieht und der Tornado auch. Darum schlagen sie mit allem und gegen alles, was möglichst viel Lärm macht.» Dabei strahlt sie mich an und fährt fort: «Siehst Du, die dunklen Wolken verziehen sich schon langsam. Und ein Tornado ist auch nicht zu sehen". Wahrscheinlich will sie mir damit sagen, dass das Geschrei gewirkt habe. Ich nicke ungläubig und murmle etwas wie «Aha, die haben jetzt also mit ihrem Geschrei den Tornado in die Flucht geschlagen?» Ibu Jero startet ihren Roller und fährt mit einem Lächeln in die Nacht hinaus.

 

Ich wende mich um, gehe zurück ins Haus und berichte Ines von meinen neuesten Erkenntnissen über balinesische Sitten und Gebräuche. Ines erwähnt den Ogoh-Ogoh-Brauch am Vorabend des Balinesischen Neujahrs als vergleichbare Abwehrmassnahme, bei der in einem Umzug riesige, angsteinflössende Puppen aus Holz, Bambus, Papier und Styropor mitgetragen und danach verbrannt werden, um alle Geister zu vertreiben und das Gebiet für das kommende Neujahr von allem Bösen zu reinigen. In Zürich macht man das schliesslich auch, geht mir durch den Kopf, indem man mit dem Verbrennen des Böögs den Winter vertreibt, oder mit der Fasnacht die bösen Geister. Doch während im aufgeklärten und entmystifizierten Europa nur noch die Bräuche von einst geblieben sind, glauben die Menschen hier am anderen Ende der Welt wirklich noch an die Existenz dieser Geister und die Wirksamkeit ihrer Massnahmen gegen sie.

 

Mir fällt ein, dass dieses Jahr Ogoh-Ogoh in ganz Bali dem Social Distancing wegen Covid-19 zum Opfer gefallen ist. Da war die heutige Austreibung des Tornados doch eine willkommene Übung für den Ernstfall.   

 Ogoh-Ogoh in Bali

 

 

 

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