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COVID-19 treibt Bali in die Armut

Hunger ist keine Neuheit in Bali. Vor allem die ländlichen Gebiete im Osten Balis waren bereits vor der Pandemie von systemischer Armut geprägt. Der nördliche Osten der Insel ist im Gegensatz zum Rest der Insel sehr trocken, so dass die Bewohner wenig, in besonders trockenen Jahren sogar gar nichts anbauen können. Diese Menschen, die kaum etwas anderes als ein Leben mit chronischer Unterernährung kennen, wohnen in abgelegenen Dörfern, für die meisten Besucher und Touristen unsichtbar. Staatliche Hilfe gab es noch nie.

Und dann kam die Pandemie. Die Menschen im Süden der Insel, an den Küsten oder in der Nähe beliebter Ausflugsziele, die bisher einen Job hatten, der, wenn sie Glück hatten, ihnen den vorgeschriebenen Minimallohn oder sogar mehr einbrachte, wurden so gut wie alle entlassen oder auf einen lächerlichen Bruchteil ihres Gehaltes gesetzt. Diejenigen, die in selbständiger Arbeit tätig waren, haben nichts mehr zu tun. Ersparnisse, sofern überhaupt vorhanden, sind längst aufgebraucht. Dies sind die neuen COVID-Armen. Sie hatten sich in den letzten Jahrzehnten aus eigener Kraft aus der Armut, in die sie einst hineingeboren wurden, herausgearbeitet. Sie leben in Häusern, nicht in halbverfallenen Hütten wie die chronisch Armen, sie haben ein Motorrad, ein Smartphone, einen gepflegten Haustempel und vielleicht sogar ein Auto. Was sie momentan nicht haben, sind Nahrungsmittel für sich und ihre Familien. Viele versuchen verzweifelt, ihr nicht dringend benötigtes Hab und Gut zu verkaufen, um Geld für Essen zu generieren. Aber es ist niemand da, der sich ihr Motorrad oder ihr Auto noch leisten kann.


Genau diese Menschen trifft die momentane Krise besonders hart. Wer genauer hinsieht, kann die Armut in Bali mittlerweile überall wahrnehmen, nicht mehr nur in den abgelegenen Dörfern. Hinter den Mauern ihrer hübschen Häuser gehen immer mehr Menschen regelmässig hungrig ins Bett, auch Kinder. Nicht einmal die unzähligen freiwilligen Helfer, Indonesier und Ausländer, die am Anfang der Krise noch fleissig Geld spendeten und Spenden sammelten und Essen an die Armen verteilten, können daran noch etwas ändern, weil den meisten mittlerweile das Geld dazu fehlt. Mit jedem Tag wächst die Armut und schwindet die Hilfe.


Eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht. Dazu bräuchte es Besucher aus dem Ausland, die aber nicht kommen werden, solange die Pandemie in Indonesien ungebremst weiterwütet und die Massnahmen zur Eindämmung von weiten Teilen der Bevölkerung ignoriert werden. Aber damit nicht genug: Das neue Phänomen der COVID-Armut hat Konsequenzen mit teilweise verheerenden langfristigen Folgen.


Seit April sind alle Schulen in Indonesien, die in Gebieten mit hohen Ansteckungsraten liegen (und dazu gehört Bali), geschlossen. Hier im ländlichen Osten der Insel haben nur die wenigsten Familien Internet oder einen Computer, also werden die Kinder mit Hausaufgaben eingedeckt, die sie in ihrer Schule regelmässig abholen müssen. Im Januar sollen nun die Schulen wieder ihren Betrieb aufnehmen, natürlich unter vielen Auflagen wie Unterricht in Halbklassen mit Social Distancing und bei offenen Fenstern. Doch so gerne die Kinder auch in die Schule gehen würden: Es wird vor allem in den höheren Klassen viele leere Stühle geben, weil die Familien sich das Schulgeld, die Transportkosten oder die Unterbringung ihrer Kinder nicht mehr leisten können. Auch der alternative Offline-Unterricht ist nur für die wenigsten der Jugendlichen eine Option, denn selbst relativ kleine Beträge für den Datentransfer über das Mobiltelefon sind für viele Familien unerschwinglich. Dies trifft die heranwachsende Generation mitten ins Herz, denn Ausbildung ist der einzige nachhaltige Weg aus der Armut.


Viele Eltern wissen das und würden ihren Kindern diese Chance gerne bieten. Aber momentan sind sie froh, wenn sie ihnen genug zu essen geben können. Für mehr reicht es schlicht nicht. Oft nicht einmal dafür.


COVID-19 wirft die zaghaft positive ökonomische Entwicklung der einfachen, balinesischen Bevölkerung um viele Jahre zurück. Menschen, die Anfang dieses Jahres noch gut von ihrem Einkommen leben, ihre Familien ernähren und ihren Kindern eine bessere Schulbildung ermöglichen konnten, sind jetzt auf Almosen angewiesen, verkaufen in ihrer Not Autos und Motorräder, mit denen sie nach der Krise vielleicht wieder Geld verdienen könnten und veräussern womöglich das wenige Land, das sie besitzen. Ihre Kinder fallen nicht nur mit ihnen in eine Armut, die sie bisher nicht kannten. Der jungen Generation wird auch die Möglichkeit genommen, sich dank guter Schulbildung ein besseres Leben aufzubauen.


Damit die Kinder in Lipah, unserem Dorfteil von Bunutan, nicht hungrig ins Bett gehen oder die Schule abbrechen müssen, nehmen wir immer neue Familien in unser Nothilfeprogramm auf. Mittlerweile sind es 105 der unsgesamt etwa 130 Familien, die unsere regelmässigen Lebensmittelpakete erhalten. Bis Jahresende werden es zweifellos noch mehr sein.

Als einzige Gegenleistung bitten wir die Empfänger, uns für jedes unserer Hilfspakete mindestens einen Reissack voll mit Plastikmüll zu bringen, der dann von Heike de Haan von unserer Partnerorganisation Peduli Alam fachgerecht sortiert und entsorgt wird. So wird unser Dorf wenigstens eines der saubersten auf der ganzen Insel sein, wenn hoffentlich eines Tages die Besucher wiederkommen.


Bis dahin liegt jedoch noch eine voraussichtlich lange Durststrecke vor uns, die es zu überstehen gilt.

Wir helfen jetzt. Bitte helfen Sie uns, den Hunger der Kinder von Lipah zu lindern und ihre Hoffnung auf die Zukunft wieder zu erneuern.