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Die Erde bebt

Es ist Ende September 2017. Ich liege gemütlich auf der Terrasse und lese. "Nach uns die Pinguine", ein Weltuntergangskrimi. Bumm! Die Fliesen unter mir bewegen sich, die hölzerne Dachkonstruktion über mir wackelt und ächzt. Ein harter Schlag, wie von einer riesenhaften Faust, hat unser Dorf durchgeschüttelt. Nicht das erste Mal heute. Unser dicker Nachbar, Mount Agung, ist mächtig schlecht gelaunt. Die Experten sagen, dass sich gerade Tonnen von Magma ihren Weg durch das Gestein nach oben sprengen. Nicht gerade beruhigend, aber immerhin eine Erklärung.


Jonny, unser Nachbar, ist anderer Meinung. "Ich habe auf Facebook einen Priester gesehen. Er sagt, dass der Gott wütend ist, weil man seinen heiligen Berg so respektlos behandelt. Touristen urinieren auf ihn, haben Sex auf ihm, menstruierende Frauen betreten ihn, solche Dinge. Und dann stehlen sie sogar noch seinen Sand."


Letzteres stimmt. Ich habe die endlosen Kolonnen von Lastwagen gesehen, die sich Tag für Tag durch das Nachbardorf quälen. Sie transportieren Sand von den nördlichen Flanken des Agung, wohin, das weiss man nicht. Die Gerüchteküche brodelt. Vom saudischen Scheich bis zur javanesischen Mafia sollen sich alle am Sand des heiligen Berges bereichern. Nur die lokalen Bewohner gehen leer aus.


Bumm! Der nächste Erdstoss. Ich höre Made, Jonnys Frau, laut schreien. Auch nicht das erste Mal heute. Gestern noch sagte sie zu mir: "Ich muss einfach laut schreien, wenn ich einen Schreck bekomme. Danach geht es mir dann wieder gut. Wenn ich das unterdrücke, bekomme ich Herzprobleme." Ich wünschte, ich hätte auch so ein einfaches Mittel, um meine flatternden Nerven zu beruhigen. Dabei sind wir hier in unserem Dorf sicher, sollte der Vulkan wirklich ausbrechen. Das haben wir schwarz auf weiss von höchstoffizieller Stelle: Die Region Amed ist sicher. Man bringt ja sogar Bewohner aus dem Norden zu uns, die ihre Häuser in weniger sicheren Gebieten gebaut haben. Ein richtiges Flüchtlingscamp gibt es schon bei uns. Na also. Sicher.


Bumm, bumm! Gleich zweimal wackelt die Erde. Ich lege seufzend das Buch weg. Vielleicht sollte ich etwas anderes lesen. Und heute Nacht draussen im Bale schlafen.