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Ein Dorf in Trauer

Manchmal könnte man glatt vergessen, dass es ausser COVID-19 noch andere Probleme auf dieser Welt gibt. Unser Dorf wurde auf grausame Art an diese Tatsache erinnert: Vorgestern starben zwei junge Menschen aus unserer Mitte bei einem fürchterlichen Verkehrsunfall. Beide waren Highschool-Absolventen auf dem Weg zu ihrer immer noch geschlossenen Schule, um etwas abzuholen. Sie sassen zu zweit auf einem Motorrad und fuhren die Strecke von zu Hause ins 10 Kilometer entfernte Culik, wie sie es wahrscheinlich schon tausende Male vorher getan hatten. Auf der einzigen schnurgeraden und gut asphaltierten Strasse in der ganzen Region gaben sie wohl, wie alle Verkehrsteilnehmer, tüchtig Gas. Aus bisher ungeklärten Gründen scherte plötzlich ein entgegenkommendes Auto auf ihre Seite aus. Frontalzusammenstoss. Beide Jungen starben noch auf der Unfallstelle.


Unsere Wayan kam zufällig als Erste aus unserem Dorf am Ort des Geschehens vorbei und brachte die schreckliche Nachricht nach Hause. Seitdem befindet sich das ganze Dorf in einer Art Schockstarre. Die beiden Buben waren sehr beliebt, immer freundlich und hilfsbereit, immer zu Scherzen aufgelegt. Noch kann es niemand fassen, dass diese jungen Leben so abrupt ausgelöscht wurden. Unsere Dian ist mit einem der beiden verwandt, der andere war direkter Nachbar von Suseni, Putu Wahiu und Murtini. Heute findet die Kremation statt. Das ganze Dorf hilft. Unser Tim, mit den beiden Jungen eng befreundet, hilft bei der üblichen Spendenaktion, um die Kosten für Kremation, das Gamelanorchester und die Verpflegung der Trauergemeinde zu decken. Hier, wie überall, gibt es Rituale, die den Trauernden einen Halt geben und ihnen helfen, die ersten Tage danach zu überstehen.


Wir stehen genauso unter Schock wie unsere Nachbarn und Freunde. Doch als typische Kinder der Aufklärung fangen wir schon bald an, nach den Gründen für die Tragödie zu suchen und vor allem, wie man sie hätte verhindern können. Sogleich springen uns zwei Tatsachen ins Auge:


Erstens: Obwohl das Fahren eines Motorrades ab 125 ccm in Indonesien erst ab 17 Jahren erlaubt ist, fahren in dieser Region Balis schon Kinder im zarten Alter von 10 Jahren alleine mit den schweren Bikes ihrer Eltern herum. Die beiden Buben waren da keine Ausnahme und das führte in ihrem Fall dazu, dass sie ihr 17. Lebenjahr nie erreicht haben. Kinder haben noch kein Gefühl für die Gefahr, hier wie überall in der Welt. Wir alle dachten in diesem Alter, wir seien unsterblich. Deshalb gibt es offizielle Altersgrenzen, auch hier. Doch die Balinesen empfinden gegenüber allem, was die Regierung erlässt, ein ausgeprägtes Misstrauen um nicht zu sagen einen ungesunden Widerwillen, seien es Vorschriften zum Tragen von Masken, Altersbegrenzungen zum Fahren von motorisierten Transportmitteln oder Baugesetze. Und da die Polizei in unserer Gegend vor allem durch Abwesenheit auffällt, macht jeder, was er will.

Zweitens: Keiner der Jungen hatte einen Helm auf. Trotz allgemeiner Helmpflicht in Indonesien trägt so gut wie niemand in unsere Region einen Helm. Der Grund dafür? Siehe oben.


Zwei Gründe, die einerseits erklären, warum der Unfall überhaupt stattfand und andererseit, warum er so fatal war. Zwei Gründe, die beide demselben Übel entspringen: dem tief verwurzelten Misstrauen gegenüber der Regierung. Ein Übel, ja, aber eben auch ein logisches Übel, denn Vertrauen muss man sich verdienen und das haben die indonesischen Behörden bisher versäumt. Korruption durchwuchert alle Ebenen und Bereiche der Administration wie ein Krebsgeschwür mit vielen Ablegern. Recht hat, wer dafür bezahlt. Damit können sich die pragmatischen Balinesen zwar arrangieren, aber gerade auf dem Lande respektieren sie einzig und allein die Entscheide ihrer Dorfkommune, die aus den Männern der alteingesessenen Familien besteht (die Frauen in Bali dürfen zwar offiziell wählen, aber die eigentlichen Entscheidungen werden nur von Männern getroffen, die allesamt zutiefst konservativ und jedem Wandel abgeneigt sind). Bali ist nur auf dem Papier ein Teil Indonesiens. Die Balinesen sehen sich selbst eher als unabhängig an. Und da es der balinesischen Natur widerspricht, irgendjemandem Vorschriften zu machen, herrscht ausserhalb der wohlorganisierten Religion Chaos und Anarchie.


Die Balinesen sind wie sie sind. Wir geben uns geschlagen. Nichts und niemand hätte diesen Unfall verhindern können. Er bleibt trotzdem eine Tragödie für Freunde und Familie, vor allem aber für die beiden Kinder, die viel zu früh aus dem Leben gerissen wurden.

Der Text im Bild ist Balinesisch und bedeutet sinngemäss: Hoffentlich werden sie ins Nirvana aufsteigen und einen guten Platz nahe bei Gott erhalten.