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Galungan

Seit ein paar Tagen verschwinden plötzlich die Menschen aus den Flüchtlingscamps. Es werden einfach immer weniger. Wo sie denn hingehen, wollen wir wissen. Nach Hause, um Galungan vorzubereiten, sagt man uns. Ganz normal. Als gäbe es keinen Vulkan.


Ein kleiner Exkurs in die Balinesische Kultur: Die Balinesen lieben Zeremonien. Ich korrigiere mich: Sie erachten ihre Zeremonien als notwendig. Sie fühlen sich als Teil eines kosmischen Gesamtkonzepts mit einem fragilen Gleichgewicht von Gut und Böse. Um diese lebenswichtige kosmische Balance zu erhalten, bedarf es ständiger Rituale, Opferhandlungen und Zeremonien. Nur so kann gewährleistet werden, dass die dunklen Mächte in Schach gehalten und die Götter gnädig gestimmt werden, damit die Menschen unter ihrem Schutz in Frieden leben können.


Der Balinesische Kalender richtet sich nach dem Mond und ist viel kürzer als der Gregorianische Kalender. So kommt es, dass die Balinesen ihren heiligsten Feiertag zweimal pro Jahr feiern: Galungan. An diesem Tag wird der Sieg über die Mächte des Bösen gefeiert. Der Legende nach soll ein despotischer Herrscher und Dämon den Balinesen vor langer Zeit verboten haben, ihren Gottheiten und Ahnen zu huldigen. Mit Hilfe der Götter lehnte sich das Volk dagegen auf und besiegte den Dämon in einer grossen Schlacht. 10 Tage nach Galungan ist Kuningan-Tag, an dem die Seelen der in diesem Kampf gefallenen Krieger geehrt werden. Es heisst, dass an Galungan das höchste göttliche Wesen von seinem Sitz auf dem Gunung Agung herabsteigt und in den Tempeln der Menschen bis zum Kuningan-Tag verweilt, wonach es wieder auf seinen Berg zurückkehrt.


17. März 1963: 3 Tage vor Galungan. Der Vulkan hatte bereits seit Wochen seine beginnende Aktivität angekündigt. Die Menschen, die in der unmittelbaren Nähe wohnten, waren teilweise geflohen, doch für die Vorbereitungen zum Galungan-Fest kamen sie zurück. Der Vulkan brach an diesem Tag aus und tötete hunderte von ihnen.


29. Oktober 2017: 3 Tage vor Galungan. Der Vulkan hat bereits seit Wochen seine beginnende Aktivität angekündigt. Die Menschen, die in der von Experten berechneten Gefahrenzone wohnen, sind fast alle geflohen. Doch nun kommen sie zurück, um die Vorbereitungen für Galungan zu treffen. Als hätte es den Ausbruch 1963 nicht gegeben. Wenn der Vulkan in den nächsten Tagen ausbräche, würde es nicht hunderte sondern tausende von Toten geben, vielleicht zehntausende.


Für die Balinesen ist dies ganz normales Verhalten. Sie müssen ihre Rituale und Zeremonien abhalten, um das kosmische Gleichgewicht von Gut und Böse in der Balance zu halten. Und da ihre Ahnen, die zu Hause in den Familientempeln wohnen, daran beteiligt sind, müssen sie sie eben zu Hause abhalten. Sie opfern sich quasi für ein höheres Wohl, damit die Gemeinschaft weiterleben kann. Wir Europäer stehen nur verständnislos daneben und raufen uns vor Sorge um die Menschen, die wir kennen, die Haare. Doch das nutzt nichts. Wir können sie nicht zurückhalten. Genausogut könnten wir den Agung bitten, nicht auszubrechen. Vielleicht hätten wir damit sogar mehr Erfolg.