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Gotong Royong

Der Lebensstandard der Menschen in unserem Dorf wurde mit dem Fortschreiten der Pandemie um schätzungsweise 30 Jahre zurückgeworfen. Kaum jemand hat noch ein regelmässiges Einkommen. Egal in welcher Branche jemand tätig ist oder war: Die Wirtschaft der ganzen Region liegt am Boden.

Man könnte nun annehmen, dass die Balinesen deswegen in Panik und Verzweiflung verfallen. Die gibt es bestimmt, doch sind sie Optimisten und Fatalisten, die es verstehen zu improvisieren und sich anzupassen. Ihr Familiensinn ist etwas vom Zentralsten ihrer Persönlichkeit und ihr sozialer Zusammenhalt innerhalb ihres Dorfes ausgeprägt. Anstatt mit dem Schicksal zu hadern, helfen sie sich gegenseitig wo sie können, suchen sich eine Verdienstmöglichkeit, sei sie noch so bescheiden, oder tauschen Nahrungsmittel untereinander. Ein balinesischer Familienvater aus unserem Bekanntenkreis, der für seine fünfköpfige Familie sorgen muss, hat wie so viele vor einigen Monaten seinen Job verloren und hilft nun gelegentlich den Fischern bei ihrer Arbeit. Als Entgelt erhält er einen Teil des Fangs. Um sich und seine Familie ausgewogen ernähren zu können, tauscht er mit Bewohnern hoch oben in den Hügeln seine überzähligen Fische gegen Mais, Bohnen oder Kürbisse, die dem kargen Boden abgerungen werden. Ein anderer Bekannter, der selbst kein Land besitzt, hilft reihum den älteren Menschen beim Bepflanzen ihrer Gärten, eine Arbeit, die gerade jetzt zum Beginn der Regenzeit anfällt. Dafür erhält er einen Anteil an der Ernte, bei der er dann ebenfalls helfen wird.


Eine für westlich geprägte Beobachter unbekannte Facette des Zusammenhalts innerhalb eines Dorfes ist das sogenannte Gotong Royong, eine Art aktive Nachbarschaftshilfe. Sie hat sich in Bali in Jahrhunderten etabliert, damit auch Vorhaben realisiert werden können, die für einen Einzelnen zu gross wären oder zu lange dauern würden, wie beispielsweise der Bau eines Hauses, die Instandstellung einer Zufahrtsstrasse oder die Errichtung eines Trinkwasserspeichers, um nur einige wenige zu nennen. Dabei packen im Dorf alle an, jede und jeder entsprechend ihren oder seinen physischen und fachlichen Möglichkeiten. Angeleitet und eingesetzt werden die vielen Helferinnen und Helfer von Baufachleuten aus dem Dorf, die ihr Wissen und ihre Erfahrung zur Verfügung stellen. Diese praktische gegenseitige Nachbarschaftshilfe hat sich vielfach bewährt.


Wie das im Einzelnen funktioniert, konnten wir kürzlich hautnah miterleben. Anfang Oktober, kurz vor dem Beginn der Regenzeit, wurde das Haus des Onkels einer unserer Mitarbeiterinnen von ungewöhnlich starken Windböen teilweise abgedeckt. Dabei wurde talseitig eine Wand eingerissen und das Fundament beschädigt. Als wir davon erfuhren, beschlossen wir spontan zu helfen. Zusammen mit unserem Technikchef, Pak Putu, besichtigte ich das Haus. Es steht auf einer Felskante hoch über dem Dorf, und der Blick von dort in das terrassierte Tal und aufs Meer hinaus ist atemberaubend. Nicht weniger atemraubend ist allerdings auch der etwa 300 Meter lange, steile Aufstieg von der Zufahrtstrasse zum Haus. Er führt über einen schmalen Trampelpfad und über grössere und kleinere Felsen. Oben angelangt war ich schon ziemlich ins Schaufen gekommen. Das Haus befand sich in einem schlechten Zustand; es war offensichtlich, dass nur ein Abriss und ein Neubau in Frage kamen. Ich beriet mich kurz mit Pak Putu sowie mit einem befreundeten Architekten und danach war der Weg für uns klar: Wir würden die Menge des benötigten Materials berechnen und es beschaffen, der Besitzer das Haus mithilfe von Gotong Royong neu bauen.

Was danach geschah, war beeindruckend. Innerhalb weniger Tage war das Haus unter Mithilfe eines Grossteils der Dorfbewohner ‒ die Mehrzahl von ihnen Frauen ‒ abgerissen und der Bauschutt so aufbereitet worden, dass dieser für die Errichtung des Fundamentes wiederverwendet werden konnte. Auf der Baustelle ging es fast zu wie auf einer Chilbi. Lautes Schwatzen, Zurufen und Lachen übertönte den Baulärm. Und als ob es keinerlei Not oder Sorgen gäbe, verhielten sich die Menschen als seien sie die glücklichsten der Welt. ‒ Felix Bali!

Nachdem Sand und Zement bis zur Strasse in Kleinlastern angeliefert und in tragbare Transporteinheiten aufgeteilt worden waren, schlängelte sich eine Menschenkette von Frauen den steilen Berg hinauf. Auf ihren Köpfen balancierten sie elegant die schweren Kübel, gefüllt mit Zement oder Sand, die sie oft nur mit einer Hand sicherten. Als ob es sie nicht die geringste Anstrengung kostete, bewegten sie sich mit einer überraschenden Leichtigkeit die dreihundert Meter hinauf. Das Ganze wiederholte sich später mit den Backsteinen, den Dachziegeln und den Metallprofilen für die Dachunterkonstruktion. Oben werkelten derweil die Männer und bauten zusammen, was die Frauen zuvor ‘just in time’ den Hang hinaufgewuchtet hatten.

Am 20. Oktober war mit dem Abriss begonnen worden ...

... am 3. Dezember, kurz vor dem ersten grossen Regen, war das Haus gedeckt.

Aus etwa 5 Tonnen Zement, 20 Kubikmetern Sand, einer Menge von Zuschlagsstoffen und sehr, sehr vielen Backsteinen und Dachziegeln entstand in Rekordzeit auf 53 Quadratmetern Fläche ein Wohnhaus mit Küche, Bale (Aufenthaltsraum) und drei Schlafzimmern für die vierköpfige Familie. Materialkosten: umgerechnet rund 2'600 Schweizerfranken, grandiose Aussicht inbegriffen!