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Reis für Plastik

Es ist Mitte Oktober und die beiden Krisen, welche seit Monaten die Welt erschüttern, spitzen sich in Indonesien immer mehr zu: die Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen. Erstere wütet ungebremst weiter, weil sich kaum jemand an Vorschriften wie Maskentragen und Social Distancing hält und letztere werden von Tag zu Tag dramatischer, vor allem an Orten wie unserem, die so dringend auf Touristen angewiesen sind. Doch das Land ist nach wie vor abgeriegelt. Es werden seit April keine Besuchervisa mehr vergeben und seien wir einmal ehrlich: Welcher Tourist wäre Willens, zuerst 2 Wochen Quarantäne in Indonesien und dann nocheinmal 2 Wochen Quarantäne bei seiner Rückkehr in sein Heimatland zu machen? Also steht alles leer in unserem Dorf: die Hotels, die kleinen Homestays, die Restaurants, die Warungs. Jede Woche hören wir von einem neuen Konkurs, gibt ein weiterer Betrieb auf und schliesst seine Pforten für immer. Die Arbeitslosigkeit steigt und steigt. In diesen Zeiten sind unsere Nothilfepakete mit essentiellen Lebensmitteln, die wir an mittlerweile über hundert Familien in unserem Dorf verteilen, wichtiger denn je. Und es sieht ganz danach aus, als werde das auf absehbare Zeit auch so bleiben.


Doch in unserem Dorf hat die Krise ausserdem noch einen eher ungewöhnlichen Effekt: Lipah droht im Plastikmüll zu versinken. Vor der Krise hatte ein sehr engagierter balinesischer Familienvater die Kinder des Dorfes organisiert, die sich ein kleines Taschengeld mit Spenden von Hotels und Restaurants verdienen konnten, indem sie einmal pro Woche gemeinsam den Plastikmüll einsammelten. Verglichen mit vielen anderen Orten in Bali war unser Dorf sauber. Seit der Schliessung der Schulen im April aber dürfen sich die Kinder nicht mehr treffen. Und so türmt sich der Plastikabfall an den Strassenrändern oder wandert wie früher in den ausgetrockneten Fluss, wo er darauf wartet, dass die Regenzeit beginnt, um mit den Fluten ins Meer getragen zu werden. Die nächste Krise bahnt sich an: eine ökologische Katastrophe.


Da kam uns eine Idee: Wir könnten die Abgabe unserer Nothilfepakete an eine kleine und leicht zu erfüllende Bedingung knüpfen: Jeder Empfänger muss uns einen Reissack voll mit Plastimüll mitbringen, um sein Paket in Empfang nehmen zu dürfen. Mit Hilfe von Heike De Haan von der lokalen Organisation Peduli Alam, die sich schon seit Jahren um den Abtransport des Plastikmülls in der ganzen Region kümmert, und unserer tüchtigen Mitarbeiterin Jero Wimega, die die Empfänger instruiert und die Ausgabe der Hilfspakete organisiert, gelingt der Übergang in den neuen Modus perfekt.


Die Menschen kommen mit ihrem Reissack gefüllt mit Plastikmüll zu uns und übergeben ihn an Heike. Sie bekommen eine kleine Quittung und gehen sich damit ihr Hilfspaket bei Jero Wimega abholen. Alle machen mit. Und wir können bereits am ersten Projekttag auf einen stattlichen Berg von Plastik blicken, der jetzt nicht mehr in den Strassengräben von Lipah liegt.

Ein Teil des Plastiks kann recycelt werden, der Rest wird in der nächsten offiziellen Mülldeponie entsorgt.

Die Aktion war ein voller Erfolg und wir werden dieses neue Modell auch in Zukunft für unser Nothilfeprogramm beibehalten: Reis für Plastik.